40 Jahre Dialyse - es "Müllert" immer noch - Erst bekamen sie ihn nicht groß und jetzt nicht klein!
Heimdialyse 1979. Meine Mutter führte die Behandlung durch.
Beitrag vom 27.01.2019
Am 27.03.2019 begehe ich mein 40ig jähriges Dialysejubiläum. Viele Kollegen in ähnlicher Situation verfassen dem Anlass, in großer Mühe
ein Buch. Jeder der Schreiber, der sich die Mühe macht, investiert viel Herzblut. Doch leider ist noch keines dieser Werke, auch bei gutem Marketing, in der
Bestsellerliste erschienen oder erreicht hohe Verkaufszahlen.
Die Analyse hierfür ist einfach. In Deutschland gibt es derzeit ca. 80.000 Dialysepatienten. Hiervon sind ca. 80 % alte- und
multimorbide Patienten, die kaum noch Lesen. Sie erfassen auch die Thematik im Umfang nicht. Der Rest der Patienten schlüsselt sich in Kinder sowie Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahre
auf. Es bleibt so nur eine sehr kleine Zielgruppe. In der gesunden Bevölkerung hat man zum Thema Dialyse kaum ein Bezug. Hier nennt man
die Dialyse auch gerne mal "Analys" oder "Dynalys".
Auch renommierte Professoren kommen mit ihren Werken nicht groß raus, da nur ein begrenztes Fachpublikum existiert.
Dies Wissen führte dazu, von einem Buchprojekt abstand zunehmen. Warum was fertigen, was kaum jemand kauft oder liest. Aufarbeiten
möchte ich diese 40 Jahre dennoch. Dies tue ich jedoch in der Form eines Blogs. Der Name lautet "40 Jahre Dialyse".
Ich freue mich auf die zahlreichen Geschichten und Personen, die mir beim Schreiben des Blogs begegnen werden. Auch die Erinnerung an
die Entwicklung der Technik über die Jahre wird sicher spannend.
So können Sie im Blog mein Leben von Beginn meiner Erkrankung, die Entwicklung der Technik sowie der Ärzte über die Jahre und meinen
persönlichen Wertegang, bis heute verfolgen. Ich werde versuchen die Beiträge kurz zu halten.
Ich würde mich über Ihr Interesse an meinem Blog ab ca. 01.02.2019 sehr freuen!
Der Anfang
1975 Beginn meiner Erkrankung
Beitrag vom 02.02.2019
1977 im Alter von fünf Jahren waren meine Eltern so wie Familie der festen Meinung, ich wäre an der Kinderkrankheit Mumps erkrankt. Ich war, obwohl
man immer sehr um mein Wohlergehen bekümmert war, oft sehr krank. Ich kämpfte mit unzähligen Erkältungen, die sich immer zu handfesten Anginas entwickelten. Der Kinderarzt verordneten mir
hiergegen wiederholt Penicillinsaft.
Meine Mutter versuchte verzweifelt mein Immunsystem zu stärken. Sie bereitete mir daher täglich die leckersten Fruchtsäfte. Mein Vater kaufte hierzu
einen sehr teueren Entsafter, der zu dieser Zeit in Haushalten nicht üblich war. So erhielt ich täglich einen Fruchtcocktail (heute Smoothie). In
diese Fruchtsäfte rührte meine Mutter zur Stärkung noch ein Eigelb sowie Traubenzucker ein. Bis heute habe ich den leckeren Geschmack noch in Erinnerung.
Leider zeigten die Vitaminbomben nicht die gewünschte Wirkung. Wie zu Anfang dargestellt, meinte man in dieser Zeit ich wäre an Mumps
erkrankt.
Die Vermutung führte dazu, dass meine Patentante Lilo aktiv wurde und mein Gesicht mit Watte, die zuvor in warmes Öl getaucht wurde, belegte. Aber
auch nach Tagen ging die Schwellung nicht zurück. So ging meine Mutter, da der Kinderarzt in Urlaub war, mit mir zum Hausarzt Dr. Schwinn).
Er Untersuchte mich, konnte jedoch nicht viel Feststellen und schickte mich wieder nach Hause. Überm Rausgehen aus dem Sprechzimmer fragte der Arzt
meine Mutter, ob sie denke, dass ich Urin lassen könnte? Meine Mutter konnte es nicht sagen, hielt mich aber an es zu versuchen. Der Urin hatte dabei so im Topf geschäumt, dass der Hausarzt mich
sofort, in die örtliche Kinderklinik Kohlhof, in Neunkirchen Saar, überwiesen hat.
Wir gingen noch nach Hause, meine Mutter packte eine Tasche und wir fuhren mit dem Taxi in die Kinderklinik. Ich weiß noch, dass ich nicht ins
Krankenhaus wollte. Ich hatte Angst und weinte.
Nach 15 Minuten Fahrt erreichten wir die Klinik.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich meinen ersten Klinikaufenthalt erlebte.
In der Kinderklinik
Kohlhof
Kinderklinik Kohlhof Saar
Es war Februar 1977, als wir in der Kinderklinik mit dem Taxi eintrafen. Wir gingen im Haupteingang eine Treppe hoch. Links in der Anmeldung
begrüßte uns Schwester Ruth. Schwester Ruth war aus heutiger Sicht eine Schwester der guten alten Zeit. Sie hatte einen hellblauen Kittel an, am Kragen eine Brosche mit dem Zeichen des roten
Kreuzes und sie war die einzige Schwester, die ein Häubchen auf dem Kopf trug. Sie regelte mit meiner Mutter die Aufnahmeformalitäten.
Dann mussten wir auf den Arzt im Flur warten. Für mich als Kind war dabei der in die Wand eingelassene Essensaufzug faszinierend. Denn immer wenn
das Licht leuchtete, kam eine Schwester und holte Nahrungsmittel aus der Klappe. Dann kam Oberarzt Dr. Althaus, um mich zu untersuchen. Er hörte mich ab, klopfte mit dem Hammer meine Gelenke und
schaute mir mit dem Stirnreflektor und dem Spekulum, in den Mund, Nase und Ohren. Das war auch soweit für mich in Ordnung, da er dies auch spielerisch mit mir durchführte. Erst als er mir Blut
abnehmen wollte, fing ich an, mich unter Schreien zu wehren.
Die Ergebnisse der Blutuntersuchung zeigten eine deutliche Funktionsstörung meiner Nieren. Es folgte an der Uniklinik Homburg am 20.05.1977 eine
offene Nierenbiopsie. Das Ergebnis zeigte eine "mesangial-proliferative Glomerulonephitis". In Rücksprache meiner behandelnden Ärzte mit Prof. Staub
der Uniklinik Mainz erfolgte nach einer Studie, der Behandlungsversuch mit Endoxan (Chemotherapie) und Kortison im Zeitraum 13.06.1977 bis Mitte August 1977. Meine Eltern wurden über
Genveränderungen infolge der Therapie informiert. Eine alternative Therapie war zu jener Zeit nicht bekannt. Jede Behandlung war experimentell. Ernährt wurde ich eiweis-/sowie vitaminreich. Bei
Erkältungen wurde ich mit hoch dosierten Antibiotika behandelt.
Bei einem Punkt blieb sich mein Körper vom ersten Arztbrief bis heute treu. Er war und blieb häufig therapieresistent.
Mein Klinikaufenthalt dauerte vom 23.02. bis 28.07.1977 an. So war ich mit fünf Jahren, 155 Tage am Stück in der Kinderklinik. Dort feierte man mit
mir mein Geburtstag im März, Ostern im April sowie alle weiteren Feiertage. Ich durfte über all die Zeit nicht nach Hause. Die Familie sah ich nur,
wenn sie mich in der Klinik besuchten. Der einzige Ausgang, den ich zusammen mit meinen Eltern hatte, war der Besuch eines nahegelegen Weihers sowie Lokals im Rollstuhl.
Es war damals eine Leistung aller, die mich kannten und pflegten, dass es mir nicht langweilig wurde oder ich beharrlich die Therapie verweigerte.
Dazu ob ich mich unter der Therapie unwohl fühlte, fehlt mir jede Erinnerung.
Meine Lieblingsschwestern waren damals Schwester Änne und Schwester
Irma. Ebenfalls zwei Schwestern der alten Schule und noch mit Kriegserfahrung. Des weiteren gab es noch meinen Schwarm Schwester Silvia. Wegen Ihr
hörte ich rund um die Uhr auf dem Schalplattenspieler das Lied von "Christian Anders - Silvia". Im Text, den ich lauthals mitgesungen habe, hieß es: Sylvia", sag' ich nachts in allen Träumen. Keinen Tag möcht' ich mit ihr
versäumen. Im Büro ist sie in allen Räumen. Sylvia, Sylvia, bitte komm, komm zu mir. Sylvia läßt mein Herz vor Glück vibrieren, manchmal auch vor Schmerz sogar erfrieren. Sylvia darf ich niemals
mehr verlieren. Und ich ruf: "Sylvia, Sylvia, Sylvia, Sylvia, laß mich bitte, bitte nie allein. Denn Du weißt, ich hab' nur Dich. Du bist mein Sonnenschein ..."
Aus heutiger Sicht, war ich mit 5 Jahren wohl schwer verliebt! :-)
Meine Lieblingsärztin war Frau Dr. Plattner. Auch sie hatte mich über die Zeit lieb gewonnen. Zum Abschied schenkte Sie mir einen Teddybären von
Steiff mit Namen "Toddel". Er begleitet mich bis heute als Talisman bei meinen Klinikaufenthalten. Wurde ich operiert, wurde auch er operiert. So
trägt er, so wie ich, heute auch viele Narben. Es ist ein Mahnzeichen vieler be-/und überstandener Kämpfe in 40 Jahre.
Das waren Erinnerungen an meinen aller ersten Klinikaufenthalt. Im nächsten Beitrag fahren meine Eltern mit mir nach Bad Brückenau zur
Kur
Eine
Kur beim Rübenerich
- Privatklinik
Dr. Erich von Weckbecker
Als ich im Juli 1977 entlassen wurde, waren im Anschluss regelmäßige ambulante Kontrollen in der Kinderklinik
notwendig. Zu jener Zeit versuchten meine Eltern alles, um mit alternativer Medizin eine Regeneration meines Gesundheitszustandes herbeizuführen.
Dabei erinnere ich mich an einen Heilpraktiker, der mir für viel Geld Wannenbäder mit echten Fichtennadeln
verordnete. Einziger Erfolg, es war ein schönes Spielbad für mich. Heute vermute ich, dass Duft und Wärme, durchblutungsfördernd wirken sollten. Mein Vater kaufte später, für teuer Geld, die
Nadeln zur heimischen Anwendung in einem Reformhaus. Zudem musste ich Brennnesseltee trinken sowie Pampelmusen und viel Eiweiß essen. Hier gab es viel Putenfleisch, Pudding und Joghurt für mich.
Alles esse ich bis heute kaum noch.
Ein anderer Heilpraktiker, den die Eltern mit mir aufsuchten, war auf Augendiagnose spezialisiert. Nach seiner
Diagnose erklärte er meinen Eltern, dass er mir nicht mehr helfen könne. Die Nierenerkrankung sei zu weit vorgeschritten. Es würde nur unnötige Kosten verursachen, die keine Hilfe oder Stabilität
herbeiführte. Er verwies an die Schulmedizin in meinem Fall.
Meine Eltern waren jedoch sehr verzweifelt und versuchten alles um die Gesundheit ihres Kindes zu stabilisieren.
In ihnen herrschte die Angst, dass ich an der Erkrankung versterben könnte. Ein Nachbar war einige Jahre zuvor an ähnlicher Nierenerkrankung verstorben.
Über meine Patentante erhielten meine Eltern Ende 1978 Kontakt zu einer Familie, deren Kind auch nierenkrank
war. Dessen Gesundheitszustand verbesserte sich wohl durch eine Behandlung in einer privaten Naturheilklinik in Bad Brückenau. Das Mädchen musste in
dieser Klinik Heilfasten. Zudem erhielt sie Maßnahmen wie Bäder, Güsse, heiße Auflagen, Sauna und Massage sowie tägliche Darmspülungen, für die sie zuvor Bittersalz trinken musste. Des Weiteren
wurde sie mit Narturheilpräparaten behandelt. Infolge besserte sich ihr Zustand so, dass sie zu jener Zeit, wieder ein normales Leben führen konnte. Für meine Eltern war diese Nachricht wie ein
Strohalm, an den man sich mit viel Hoffnung, auf den gleichen Erfolg bei mir, klammerte. Doch in der Klinik aufgenommen zu werden, war nicht einfach. Man musste sich mit dem Krankheitsbild
bewerben. Mein Vater bewarb mich so zur Aufnahme in der Klinik. Der Arzt musste Entscheiden, ob er eine Hoffnung sah, mir helfen zu können. Die Rückantwort der Klinik war positiv. So sind meine Eltern am 02.02.1979 mit mir nach Bad Brückenau in die Privatklinik Dr. Erich von Weckbecker (Spitzname Rübenerich, weil er alles selbst anbaute), zur Kur gereist.
Die Krankenkasse hatte dieses Vorhaben finanziell nicht unterstützt, sodass meine Eltern die Kosten selbst
tragen mussten. Das viel Ihnen zu dieser Zeit schwer. Meine Mutter war 28, mein Vater 34 Jahre alt. Also eine Lebensphase wo man gerade im Aufbau des Lebens steht. Zudem musste ein Haus abgezahlt
werden und meine Krankheit verursachte zahlreiche Zusatzkosten. Zu der Zeit konnte man kein Vermögen ansparen. Mein Großvater mütterlicherseits, stellte daher die finanziellen Mittel für die Kur
zur Verfügung.
In der Klinik wurde nicht nur ich behandelt, sondern auch meine Mutter. Damit ich alles als Kleinkind mitmachte,
musste sie mit gutem Beispiel vorangehen und in den sauren Apfel des Heilfastens und der täglichen Darmspülung, beißen. Auf eine tägliche Darmspülung mit Bittersalztrinken verzichtete man bei
mir.
Das Heilfasten schlug bei mir fehl. Hier kamen Milch sowie auch frische Gemüsesäfte zum Einsatz. Ich trank es
damals als Kind nicht und lehne beides bis heute ab. Es ist eine Erbkrankheit, dass die Männer meiner Familie in dritter Generation keine Milchprodukte sowie Käse essen. Auch Gemüsesäfte
verweigern wir hartnäckig. Da ich mich immerzu bei der Aufnahme der Nahrung des Heilfastens übergab, musste ich mit dem Fasten aufhören. Man reichte mir dann täglich eine sehr natürlich belassene
Kartoffelsuppe. Aber auch die war so zubereitet und angerichtet, dass ich mich beim Essen verweigerte. Erst als meine Mutter erklärte, wie ich die Suppe gewöhnt bin zu essen, kostete ich ein
wenig davon. Jedoch nicht genug, um damit mein Gewicht halten zu können. Meine Mutter ging dann täglich mit mir ins nahe gelegene Café Fassnacht. Hier bestellte ich mir meist Wiener Würstchen mit
Senf und Malzbier. Jeden Tag gingen wir so einen Berg am Friedhof entlang (1 km) hinunter und wieder hinauf. Der Sohn des Cafébesitzers war blind. Mit ihm verstand ich mich, obwohl er älter
war, auf freundschaftliche Art.
Meine arme Mutter steckte in jener Zeit, als ich Wiener und Kuchen gegessen habe, im Heilfasten und musste mir
daher immer beim Essen zuschauen. Noch schlimmer für sie muss es gewesen sein, dass sie am Wochenende, wenn mein Vater uns besuchen gekommen ist, für ihn in dessen Pension, Steak mit Zwiebeln und
Pilzen gebraten hat, ohne selbst davon essen zu können.
An folgende Anwendungen in der Klinik erinnere ich mich noch bis heute mit Abneigung. Früh morgens 6:30 Uhr
wurde man geweckt und mit Weisweinessig abgewaschen der am Körper trocknen musste. Bis heute kann ich kein Weisweinessig riechen oder zum Kochen verwenden! Nach dem Mittagessen gab es dann heiße
Kartoffelsäcke auf die Leber. Der Inhalt dieser Säcke war sehr beliebt bei den Patienten, die am Fasten waren und keine feste Nahrung erhielten.
Weiter erhielt ich: Fuß und Armbäder, erneut Bäder mit Fichtennadeln sowie Kleie, Molke und Roggen.
Teil-/Fußreflexmassagen. An Medikamenten, Herz-Kreislauftropfen, Nierentropfen, Gallen-Lebertropfen, Zink, Kalzium, Kupfer, Pro Symioflor (abwehrstärkend), Strath G-26 (Wohl Kräuterhefe).
Doch der erhoffte Erfolg, auf den meine Eltern sowie Familie hofften, blieb aus. Am Ende stand für den Zeitraum
05.02. bis 17.03.1979, eine Rechnung von 2864,95 DM offen. Plus der Kosten für die Pension meines Vaters, den Reisekosten für ihn und mein tägliches Essen außerhalb der Klinik. Das war damals
sehr viel Geld für eine junge Familie!
Am 17.03.kehrten wir aus Bad Brückenau zurück. Meine Eltern waren sehr entmutigt, da sie nun keine Vorstellung
mehr hatten, wie man mir helfen konnte. Der Tod des Nachbarn, der wie erwähnt an ähnlicher Nierenerkrankung verstarb, war bei ihnen sehr präsent.
Die Ereignisse begannen sich unmittelbar nach unserer Rückkehr, zu überschlagen. Mein Gesundheitszustand
verschlechterte sich rapide. Am 25.03.1979 musste ich daher notfallmäßig in die Kinderklinik Kohlhof. Auch hier waren die Ärzte ratlos und ich befand mich in akuter Lebensgefahr. Ich bekahm keine
Luft, da ich voll Wasser war.
Am Morgen des 27.03. kam ein Arzt auf meinen Vater zu und sagte, man hätte wieder alles unter Kontrolle. Eine
Viertelstunde später kam der Oberarzt Dr. Althaus zu meinem Vater und sagte, packen Sie alles zusammen, wir verlegen Ihren Sohn jetzt in die Uniklinik Heidelberg. So wurde ich früh morgens
notfallmäßig in die Kinderklinik der Universität Heidelberg am 27.03.1979 verlegt. Ich erinnere mich heute noch an diese Fahrt. Dr. Althaus und mein Vater saßen im Krankenwagen (VW Bulli T1)
neben mir, ich hörte das Blaulicht und das Dröhnen des Viertakt Motors mit 44 PS. So waren wir nun auf dem Weg nach Heidelberg.
Lesen Sie im nächsten Beitrag von der Ankunft und den Abläufen in Heidelberg.
Ich hab meine Nieren in
Heidelberg verloren ...
Altes Ultraschallbild von 1981
Beitrag vom 15.05.2019
In der Zeit als wir auf dem Weg nach Heidelberg waren, packte meine Mutter zu Hause Koffer, regelte die
wichtigsten Dinge und reiste dann mit meinem Onkel Harald († 18.05.2019) per PKW nach.
Um die Mittagszeit erreichte der Krankenwagen die Kinderklinik der Universität Heidelberg. Ein großes Gebäude.
Erste Station war das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Hier wurde eine Ultraschalluntersuchung von meinem Herzen, Nieren undBauch erstellt. Ein Ultraschallgerät gab es damals nur im DKFZ,
nicht wie heute, in jeder Arztpraxis. Der Ultraschall war damals noch sehr groß und mit dicken Kabeln an einen Rechner mit Magnetbändern verbunden. Die Bildgebung war gegenüber heute sehr
eingeschränkt (siehe Bild aus dem Jahre 1981).
Nach der Untersuchung brachte mich Dr. Althaus noch zurück zur Kinderklinik und verabschiedete sich dann von
uns.
Meine Mutter war zwischenzeitlich auf dem Weg in der Ungewissheit, ob ihr Kind noch lebt. Mein Vater war vor
Ort, wurde aber immer mit neuen medizinischen Abläufen konfrontiert, die er in der Tragweite noch nicht erfassen konnte.
Vieles von diesem Tag ist mir bis heute in Erinnerung. Dazu zählt, wie ich erstmalig zur Station H6
gebracht wurde. Der Fahrstuhl war der Rechte, das Zimmer war nach der Eingangstür zur Station Links das erste auf der rechten Seite. Mein Bett befand sich auf der linken Seite an der Glasscheibe.
Von da sah man im Vorraum eine Badewanne, ein Wickeltisch sowie eine Toilette. Ich war nun in diesem Zimmer allein mit meinem Vater. Ich hatte riesige Angst.
Die Stille sowie die besorgte Miene meines Vaters verringerten diese nicht.
Schwester Antje
Nun ging die Tür auf und eine Schwester begrüßte uns herzlich. Sie stellte sich als Schwester
Antje vor. Sie informierte meinen Vater, dass Dr. Manz mit ihm reden wollte.Zwischenzeitlicherklärte sie mir, so behutsam wie möglich, dass ich nun im
Bett fotografiert werde und der Arzt mich danach am Hals piksen müsse. Das wäre aber nicht schlimm, wenn ich ruhig und tapfer sei. Noch war ich dabei gefasst!
Prof. Brittinger
Dann wurde ich mit dem Bett in den Flur gefahren. Hier wartete ein Mann, der ziemlich verludert gekleidet war.
Er trug eine alte abgetragene Lederjacke, verblasstes Hemd sowie eine alte Jens und hatte einen langen Bart. "Der hat einen Bart wie der Großvater von Heidi" dachte ich. Er begrüßte mich
freundlich, machte viele Späße und erklärte mir, dass ich nun geröntgt werde. Was röntgen war, wusste ich nicht, die Info, dass es nicht schmerzhaft ist, war wichtig. Der Mann, der mich hier
behandelte, war Prof. Brittinger (der Pionier der deutschen Shuntchirurgie († 2019).
Nach dem röntgen, wurde ich in ein Zimmer geschoben. Das lag am Ende des Ganges rechts kurz vor einem Balkon.
Hier konnte ich meinen Vater nur durch eine Glasscheibe sehen. Nun kam Schwester Antje auf mich zu und sagte, ich solle jetzt ruhig Atmen sowie stillliegen bleiben. Dabei versuchte Sie mir, eine
schwarze Sauerstoffmaske auf die Nase zu drücken. Die Situation trug dazu bei, dass ich bis heute noch Panik bekomme, wenn bei einer Operation, so eine Maske in die Nähe meines Gesichtes kommt.
Ich empfand die Situation als sehr bedrohlich und fing an zu schreien und zu heulen. Nun kam auch noch der verlotterte Mann und ging mir an den Hals. Jetzt wurde ich von Schwestern um mein Bett
stehend, kräftig festgehalten. Selbst der Kopf wurde festgehalten. Ich kreischte ohne Ende und schaute Hilfe suchend, zwischen all den Menschen, die mich festhielten, mit Tränen in den Augen zu
meinem Vater. Heute weiß ich, auch er war an der Stelle verzweifelt. Erst gab es einen Stich und dann ein knacken am Hals, das ich heute noch im Ohr habe. Man schob mir nun einen Schlauch
(Shaldon Katheter) in den Hals. Es war eine traumatisierende Situation für mich. Als ich mich nach einer Zeit wieder beruhigt hatte, wurde ich wieder geröntgt und im Anschluss auf mein Zimmer
gebracht.
Inzwischen war auch meine Mutter angekommen. Ich war so froh sie zu sehen und dachte sie wird mir nun, im
Gegensatz zu meinem Vater helfen. Aber wir alle waren mit der Situation und den Entwicklungen an diesem Tag völlig überfordert. Meine Mutter musste den lebensrettenden Abläufen ebenfalls
zustimmen. Aber es war beruhigend, dass wir zusammen waren.
Schwester Antje kam erneut und holte mich mit dem Bett ab. Ich wurde wieder in das Zimmer von zuvor gebracht.
Mein Bett wurde neben einen Kasten (Dialysemaschine Dreak Willok), an dem viele Lichter blinkten, geschoben. Dann verband man diesen Kasten, mit dem Schlauch an meinem Hals. Hierbei schrie ich
erneut ohne Ende! Ich hatte wieder große Angst, die ich jetzt, 40 Jahre später, beim Schreiben immer noch in mir spüren kann.
Nun lag ich im Bett, wusste nicht, dass ich hier dialysiert wurde. Nach langer Zeit, es war
mittlerweile später Abend, fing ich plötzlich an zu weinen. Ich hatte so unendlich heiß! Ich schrie immer wieder ich verbrenne ... ich verbrenne. Was war passiert? Man hat mir mit der Dialyse
viel Wasser entzogen, so spürte ich meine Körpertemperatur wieder. Es kam daher zum Gefühl großer Wärme, weil ich die eigene Temperatur nicht mehr gewöhnt war. Meine erste Dialyse wurde dann auch
bald beendet.
Man schloss mich von dem Kasten ab, brachte mich zurück auf mein Zimmer und ich bekam erstmals etwas zu Essen
sowie zu trinken. Meine Eltern blieben noch, bis ich eingeschlafen war, bei mir.
Mein erster Tag in Heidelberg ging so zu Ende.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich Heidelberg kennenlerne und die Letzte Ölung erhalte.
Die
Letzte Ölung
Alte Kinderklinik.
Beitrag vom 21.06.2019
Es begann nun der zweite Tag in Heidelberg. Die erste Dialyse sowie Nacht hatte ich hinter
mir.
Nachdem ich am Morgen in fremder Umgebung erwachte, hatte ich angst. So weinte ich. Die erste
die dies mitbekommen hatte, war Frau Bliesath (Sozialpädagogin). Sie beruhigte mich und erklärte mir, dass meine Eltern bald kommen würden. Sie wären nicht weit
(Café Frisch) und würden noch schlafen. Ich könnte, wenn ich wollte, etwas frühstücken.
Nun kam auch Schwester Antje ins Zimmer. Sie erklärte mir ganz ruhig, dass ich später wieder
an die Maschine, die ich schon vom Vortag kenne, müsste. Das machte mir Heidenangst. Aber sie beruhigte mich schnell. Ich mochte sie, sie war mein erster Vertrauenspunkt in der Fremde. Sie
fragte, was ich zum Frühstück wolle. Bei der Antwort begegneten sich kindlich saarländische Mundart und Baden württembergischem Hochdeutsch. Meine
Antwort Brot mit "Sießschmier"! Sie sah mich fragend an, wusste aber nichts damit anzufangen. Ich überlegte und erinnerte mich an meine Oma Maria, die kochte nicht nur "Sießschmier", sondern auch
"Latwerch"(Pflaumenmus).Aber auch nun war ihr nicht bewusst, was ich mochte. In Moment meiner gedanklichen Überforderung zu erklären
was ich verlangte, sind meine Eltern gekommen. Meine Mutter enträtselte auf nachfrage, dass ich Marmelade meinte. Mein heiß geliebter Orangensaft wurde leider durch Tee
ersetzt.
Nach dem Frühstück lernte wir mit Prof. Schärer
(†04-2019), Dr. Klare sowie Dr. Manz (†) und Oberarzt Dr. Mehls (heute schon teils Professoren im Ruhestand), sowie Frau Bliesath und Dipl. Psychologin Frau Reichwald viele Mitarbeiter kennen.
Ebenso lernte ich noch Schwester Silke und Margret von der Dialyseabteilung sowie die Erzieherin Frau Rohleder und die Lehrerin Frau Krone kennen.
Das Kennenlernen beschäftigte uns sehr.
Dann kam wieder meine Lieblingsschwester
Antje und brachte mich zum Röntgen sowie EKG.
Ich erinnere mich bis heute noch an die
Röntgenabteilung. Von den 70iger bis Anfang 2000 erkannte ich diese Abteilung von Weitem am beißenden Geruch des Entwicklers der Röntgenbilder. Auf die musste man teils bis 40 Minuten warten.
Die Gerätschaft hat sich bis heute optisch kaum verändert.
Das EKG-Gerät wieder hatte die Größe einer Küchenspüle.
Es verfügte über viele Knöpfe und Nadeln. Mir wurden Gummibänder mit Metallscheiben angelegt. Im Anschluss wurden nasse Tupfer unters Metall
gelegt, bevor aufwendig verkabelt wurde. Nadeln begangen zu zittern und mahlten Zacken. Das Gerät produzierte Unmengen von Papier. Dass ich auf dem Papier mein Herzschlag sah, war mir nicht
bewusst. Der Papierstapel hatte am Ende die Dicke eines Lexikons. Jede Seite musste vom Arzt gelesen und vermessen werden. Eine digitale Auswertung per PC, wie heute, existierte noch nicht. Über
die Jahre lernten wir Kinder durch Neugierde und wiederholter Nachfrage, wie man mit einem EKG-Lineal arbeitet.
Auf Station zurück, ging es zur Dialyse. Hier arbeite
noch der Techniker, Herr Schedewie an der Maschine. Als er fertig war, wurde ich wieder über den Schlauch an meinem Hals mit der Maschine verbunden. Im Anschluss musste ich wieder fast 12
Stunden im Bett liegen. Während der Behandlung waren alle Schwestern sowie Dr. Klare und Dr. Manz anwesend. Man hatte mich immer unter genauer Beobachtung. Mir gingen viele kindliche Gedanken
durch den Kopf. Dabei dachte ich an meine Familie zu Hause. Immer wieder erblickte ich andere Kinder, hatte aber , da ich im Bett bleiben musste, noch keinen Kontakt zu ihnen. So vergingen
Tage, die in den Abläufen immer gleich waren. Mein Gesundheitszustand besserte sich langsam.
In diesen Tagen waren Frau Reichwald und Frau Bliesath
die Personen, die mir am liebsten waren. Denn sie waren die Einzigen, die nur zum Reden oder Spielen zu mir kamen. Wenn ich Ärzte oder Schwestern erblickte, erfolgte immer
Unangenehmes.
Eines Tages kam der Mann zu mir, der mir zu Beginn den
Schlauch in den Hals steckte. Mein Geschrei war daher groß. Meine Eltern und er beruhigten mich. Prof. Brittinger war doch sehr nett, machte Späße und wollte wissen, mit welcher Hand ich
Bilder malte. Ich zeigte es ihm. Er setzte sich neben mich an mein Bett und tastete meinen linken Arm, bei geschlossenen Augen, mit den Fingerspitzen ab. Dabei erstellte er eine Zeichnung auf
Papier wie auch auf meinem Arm. So erfolgte zu jener Zeit eine Gefäßdarstellung zur Shuntanlage.
Eine Woche später, am 10.04.1979 wurde ich von der
Kinderklinik Heidelberg in die südwestdeutsche Rehabilitationsklinik Neckargemünd verlegt. Da angekommen begrüßte mich Prof. Brittinger und begutachtete erneut meinen Arm. Am Folgetag wurde ich
operiert. Mein Vater durfte mit zur Operation, sodass ich keine allzugroße Angst hatte. Prof. Brittinger gab mir einige Spritzen in den Oberarm
(Plexusanästhesie) bis ich kein Schmerzempfinden mehr hatte. Das kommentierte ich mit lautem Schreien und Heulen.Während ich operiert wurde redeten und sangen alle im OP mit mir. Nach zwei Stunden war die
Operation beendet.
Als ich wieder auf dem Zimmer war, verschlechterte sich
mein Zustand akut. Bei der Blutkontrolle stellte man einen viel zu hohen Kaliumspiegel fest. Ich musste sofort an die Dialyse. Doch der Katheter am Hals war so verstopft, dass eine
Dialysebehandlung unmöglich war. Dr. Metzler entfernte denKatheter und legte einen neuen. Das glückte nicht. Die Dialyse lief erneut nicht. Mir ging es immer
schlechter und plötzlich war ich nicht mehr ansprechbar. Prof. Brittinger erklärte meinen Eltern, dass ich um mein Leben kämpfe. Mein Herz schlug nur noch ganz langsam und unregelmäßig.
Mein Kalium war, nach Erzählungen über 9. Ein Pfarrer erteilte mir am Freitag den 13 April 1979 die Letzte Ölung. Man versuchte mit allen Mitteln, mich dialysieren zu können. Dr. Metzler machte
daher noch einmal den Versuch, einen neuen Katheter zu legen. Davon bekam ich nichts mehr mit. Das gelang. Ichkonnte so über Stunden dialysiert werden. Je länger ich dialysiert wurde, um so
stabiler wurde ich wieder. Ich erwachte wieder aus meiner Bewusstlosigkeit. In der schweren Zeit waren Prof. Brittinger wie Dr. Metzler rund um die Uhr abwechselnd bei mir und meinen Eltern.
Dieser Shunt, für den ich beinahe mit dem Leben zahlte, läuft heute, 40 Jahre später, immer noch. Nur ein Shunt in über 40 Jahren ist eine ganz große Besonderheit. Am 23.04.1979 konnte ich wieder
stabil zurück in die Kinderklinik verlegt werden.
An Erinnerung an diese Zeit nahm ich mit, dass es
mir nie so schlecht erging. Ebenso habe ich Bilder, an Junge Leute mit vielen Fehlbildungen, im Kopf. Wie ich heute weiß, war damals die hoch
Zeit der Conterganjugend. Die wurde in der Klinik behandelt, wie ich heute weiß.
Ebenso erinnere ich mich noch an einen Ziegenbock im
Garten, an dem Prof. Brittinger neue Shunttechniken entwickelte. Der Ziegenbock lief ihm überall hin nach.
Nun befand ich mich in einem großen Krankenwagen
(Mercedes Benz 408) auf der Rückfahrt in die Kinderklinik.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie die Station H6 zur
Folterkammer wurde, ich heimlich trank, Oberarzt Dr. Mehls zu einer Respektperson wurde und das Heimdialysetraining begann.
Fliegende Teller in
der Folterkammer
Altes Schwesternhaus
Zurück in der Kinderklinik angekommen, musste ich von meinem Vater, der wieder arbeiten musste, Abschied nehmen.
Das war nicht leicht! Fortan sahen wir uns nur zu den Wochenenden und hörten uns am Telefon. Meine Mutter wohnte nun, im Schwesternhaus, wo ihr Schwester Elli ein Zimmer gegeben hatte.
Dies war günstiger als Café Frisch *. Prof. Brittinger kam in Abständen vorbei und kontrollierte den
Shunt. Ich erholte mich von den Strapazen, wurde dialysiert und wiederkehrend untersucht.
Oberarzt Dr. Mehls
Langsam nahm ich die bekannten Klinikabläufe an, war aber kein einfacher Patient. Schwester Antje, Frau
Reichwald (Evelyn) sowie Frau Bliesath (Grete), hatte ich ins Herz geschlossen.
Prof. Schärer war lustig und immer sehr an mir interessiert. Er wollte von mir wissen, wie ich verschiedene Abläufe und Medikamente empfand und vertrug. Alle gingen seinerzeit, sehr auf meinen
kindlichen Leidenscharm ein. Nur vor Oberarzt Dr. Mehls hatte ich Respekt! Seine Art hatte Kanten, die nicht mit meinem kleinen Dickkopf harmonierten. So lies er sich von mir nicht lenken. Jedoch
hat gerade er, mein Leben damit bis heute positiv beeinflusst.
Heidialysezimmer 1979
Die Wochen vergingen und meine Mutter wie ich, erlernten den Umgang mit meiner Krankheit sowie der Dialysemaschine. Denn es war geplant, dass wir
eines Tages die Behandlung zu Hause selbstständig durchführen sollten. Hierzu hatte mein Vater mit meinem Opa Peter (beide Schlossermeister), zu Hause Umbaumaßnahmen begonnen. Es waren ein
separater, Wasseranschluss wie Abfluss und Waschbecken für das Dialysezimmer notwendig.
Diätberaterin Elvira Möller 1981
Ein Schreckmoment war, als plötzlich der Blutschlauch in der Blutpumpe des Dialysegerätes platzte. Die Situation
war, durch nicht gefederte Blutpumpenköpfe und starrem Material, der damaligen Zeit, keine Seltenheit. Hierauf war man vorbereitet und hatte es schnell im Griff. Meine Mama und ich, lernten
von Diätberaterin Frau Elvira Möller, dass man mein Trinkverhalten sowie meine Ernährung umstellen müsste. So sollte ich täglich nur noch 500 ml trinken und musste auf Kalium und Salz
achten. Wie schlimm der Durst für mich wurde und was ich mir beim Beschaffen von Flüssigkeit einfallen lies, wird noch separates Thema sein. An die ärztlich vorgegebene Trinkmenge, hielt ich mich
konsequent nicht! Was für mein Herz und Gesundheit jedoch "sehr belastend" war! Beim Essen hatte ich eigentlich klinisch wie zu Hause keine Probleme.
Ich hatte Wunschkost! Dabei kam es erneut anhand der saarländischen Mundart zu Unverständnissen, was ich
wünschte. Den ich forderte "Grummbeerkieschelscher"...! Man war ratlos ... Da ich die korrekte Bezeichnung nicht kannte, versuchte ich es mit ähnlichen Speisen zu erklären. So nannte ich
"Dibbelabbes" sowie "Schales!" Man sah mich weiter hilflos an. Als meine Mutter hinzukam, erhoffte man sich von ihr Aufklärung. So erfuhren wir,
Grummbeerkieschelscher hießen Reibekuchen in Heidelberg. Ich lernte dabei beiläufig, mich korrekt auszudrücken.
Links Lehrerin Frau Krone, Mitte Kindergärtnerin Frau Rohleder sowie Kinder beim besuch einer Glashütte.
Da ich das Bett wieder verlassen durfte, lernte ich die Kinder auf Station kennen. Susanne
Brustgie hatte es mir angetan. Sie war so um 13 Jahre und kümmerte sich intensiv um mich. Sie wurde eine gute Freundin zu mir wie meiner Familie. Dann lernte ich noch Dieter, Joachim,
Gloria, Bianca, Bernd, Yalchin, Mario, Roland, Oskar, Heinz, Claudia und Thomas kennen. Sie alle prägten mich. Wir dialysierten zusammen und Frau Rohleder wie Frau Krone unterhielten uns. So
besuchten wir eine Glashütte und machten im Dialysezimmer, ausQuark Käse. Dann besuchten wir wiederkehrend den Spielplatz mit einer
alten Straßenbahn, den botanischen Garten sowie den nahe gelegenen Zoo. Evelyn und Ihr Team entwickelten immer neue Ideen, um uns die Zeit in der Klinik, so erheiternd wie möglich zu gestalten.
Heylight zu der Zeit war, ein tragbares Fernsehen zu besitzen. Damit konnte man sich ablenken. Meine Eltern ermöglichten mir ein Gerät mit Radio, Kassettenrekorder und TV in einem.
Meiner ganzer Stolz in Heidelberg! Auch dies haben mir meine Eltern ermöglicht!
Nach 6 Wochen der Shunt-OP kam Dr. Manz mit Schwester Antje und meiner Mutter und
erklärten, dass ich bei der nächsten Dialyse mit zwei Nadeln vor Beginn der Behandlung in den Arm gestochen werde. Man zeigte mir die Nadeln, sodass ich mich mit Ihnen anfreunden konnte. Sie
waren lang und hatten vorne zwei schwarze abnehmbare Flügel. Sie machten mir Angst. Man erklärte mir, vor dem Stechen, würde man mir etwas geben, damit ich keine Schmerzen hätte. Dr. Manz
spritzte mir etwas unter die Haut (örtliche Betäubung) das brannte. Dann kam Schwester Antje mit den zwei dicken Nadeln und erklärte das tut jetzt nicht sehr weh. Wichtig ist, den Arm still zu
halten, sonst blutet es heftig. Sie stach und es war ein Schmerz der mich nur schrien lies! Ich weinte, wie damals als ich den Katheter bekommen hatte. Nur diesmal schaute ich meine Mutter Hilfe
suchend an. Nach dem Trauma der Punktion, wurde die Maschine dann, statt über den Katheter am Hals, an den Nadeln angeschlossen. Mit dem Weinen hörte ich relativ schnell wieder auf.
Ich weiß nicht war es Evelyn oder Grete, die mir sagte, wenn mir etwas nicht gefällt, dürfte ich meinem Unmut
durch Schreien kundtun. Von dem Zeitpunkt an hörte z.B. jeder, wenn ich punktiert wurde. Die Station H6 klang dann wie eine Folterkammer. Ich schrie und wehrte mich beim Stechen so, dass man mich
festhalten musste. Mit dem Verhalten war ich damals einzigartig in der Kinderdialyse!
Nach einiger Zeit musste mich dann meine Mutter punktieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie traumatisch
es für eine Mutter sein muss, wenn sie ihrem schreiendes Kind, Schmerzen zufügen muss. Meine Mutter litt sehr darunter, was sie auch bis heute
belastet. So was kann man ein lebenlang sicher nicht ausblenden. Ich verstand nicht, dass sie dies tun musste, um mein Leben zu retten.
Wie dargestellt, war ich sehr schnell talentiert, Menschen für meine Zwecke zu manipulieren. So kannte ich auch
genau die Punkte, mit denen ich meine Mutter verletzen konnte. Das nutzte ich grausam aus. Kam es zur Punktion, beschimpfte, schlug, trat und kratzte ich sie. So sagte ich: "Du bist nicht meine
Mutter ", "Verschwinde ich möchte Dich nie mehr sehen", uvm. Evelyn hatte mit meiner Einzigartigkeit viel zu tun. Ich hatte Wut in mir, da ich alles
was passierte, nicht wollte. Statt meine Mutter, alles verhinderte, fügte sie mir auch noch selbst Schmerzen zu. Sie war so oft in der Rolle meines Feindes. Papa war weit weg und hatte mit
der enormen psychischen Belastung wenig Berührungen. Mama kämpfte an allen Fronten und erlebte so viel weitere verletzende Situationen.
Eines Tages, als ich wieder so bösartig gegenüber meiner Mutter war, erhielt ich mein Mittagessen. Meine heiß
geliebten Wiener Würstchen. Ich nahm den Teller und warf ihn aus Wut nach meiner Mutter. Sie konnte im letzten Moment ausweichen. Das beobachtete Oberarzt Dr. Mehls. Er kam autoritär ins Zimmer,
nahm meine Mutter und führte Sie aus dem Zimmer. Kam zurück und sagte in sehr ernstem Ton, dass meine Mutter erst wieder zu mir kommen darf, wenn ich mich bei ihr entschuldige. Zu essen bekahm
ich nichts mehr. Er war der Meinung, wer sein Essen wegwerfe, hat kein Hunger. Nächste Malzeit war das Abendessen. Ebenso ordnete er an, da ich mich nicht an die eingeschränkte Trinkmenge hielt, dass ich in einem Gitterbett über Tag untergebracht wurde. Ich durfte nur
kontrolliert das Bett verlassen. Das wurde von Evelyn für kritisch bewertet. Ihm ist die Bettsituation in Erinnerung geblieben. Noch 2017, als wir Kontakt hatten, bedauerte er diese handhabe von
damals! Doch gerade damit beeinflusste er mein Leben positiv. Er zeigte mir Grenzen und so, dass meinem handeln Konsequenzen folgen. Wie hätte er mich sonst vor meinem Gefährdendem handeln beim
Trinken Schützen sollen? So habe ich heute mein festes Quantum an Trinkmenge, von dem ich kaum abweiche! Ich bin ihm nicht böse , sondern heute noch dankbar! Bis heute sind mir Ärzte wie er, mit
menschlicher Kante, wo ich weiß woran ich bin, die liebsten. Bis ich meine Mutter so sehr vermisste, dass ich mich für den Tellerwurf entschuldigte, dauerte es mehre Tage. Ich war immer ein
kleiner Sturkopf!
Da ich bei meiner Mutter immer wieder die Punktion verweigerte, musste diese auch mein Vater erlernen. Bei ihm
machte ich solchen Zirkus nicht. Zwar schrie und zappelte ich, aber der Arm lag immer still. Ihm traute ich nicht und er war auch jemand, der mich Konsequenzen spüren lies. Mit ihm traute
ich nicht so wie mit meiner Mutter umzugehen.
Ende Juli 1979 wurde ich aus der Klinik entlassen. Fortan mussten wir drei Mal die Woche mit dem Taxi ( Mercedes
Benzw 115 strich 8) 160 km nach Heidelberg zur Dialyse und Heim fahren.
Gabi und Henner Fries fuhren Mama und mich. Das Taxi hatte damals noch 3-mal die Woche Wartezeit von bis zu 14 Stunden. Heute unvorstellbar, dass ein Taxifahrer bis zu 17 Stunden on tour ist.
Auch das war eine Belastung für meine Mutter. Gabi und Henner mochte ich sehr. Sie fuhren mich bis zum Renteneintritt im Jahre 2008 zur Dialyse.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich eingeschult wurde. Die Heimdialyse zu
Hause begann und ich Prof. Dreikorn kennenlernte.
* Eine Übernachtung kostete 1979 im Café Frisch 38,00 DM. 35 Übernachtungen
waren bis zur Abreise meines Vaters notwendig. Das bedeutete meine Eltern mussten Kosten in Höhe von 1.330 DM aufbringen. Dabei hatten sie noch nichts gegessen. Was ich damit ausdrücken möchte
ist, dass meine Krankheit zu dieser Zeit, meine Eltern nicht nur psychisch, sondern auch finanzielle Höchstleistungen abverlangte. Denn man erinnere sich, die private Kur im februat/März 1979
kostete schon2864,95 DM. In zwei Monaten mussten meine Eltern Kosten von 4.194,95 DM finanzieren. Es war nicht klar, wie viel zurückerstattet wurde. Meine Eltern, insbesondere meine Mutter,
waren so immer sehr sparsam und musste auf vieles verzichten. Mir fehlte es dagegen an nichts ich wurde verwöhnt. Für diesen Kraftakt, bin ich meinem
Eltern bis heute, aus tiefen Herzen dankbar!
Majestät König Martin von Bildstock!
Beitrag vom 04.08.2019
Team Heidelberg mit meiner Familie in Bildstock
Am 31- Juli 1979 wurde ich nach 128 Tagen stationärer Behandlung entlassen. Bis zum 08.08.fuhren wir drei mal
die Woche zur Dialyse nach Heidelberg. Dies war für alle Beteiligten sehr anstrengende 18 bis 20 Stunden Tage.
Am 08,08. fand eine große Abschiedsparty für mich in der Dialyse statt. Hierzu kamen alle die, die ich in den
zurückliegenden Monaten kennengelernt hatte. Es gab Kuchen und ich erhielt viele Geschenke. Von selbst gebastelten Blumen bis hin zu Büchern, Lego und einem Bild, das mich als König Martin
zeigte. Man vermittelte mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Am 10.08.1979 machten wir unter Anleitung von Schwester Antje, Dr. Stehls und Techniker Herrn Walter die erste
Heimdialyse.
Zu den Behandlungen kam auch unser Hausarzt Herr Dr. Wahl, der im Ernstfall die ärztliche Notfallversorgung
sicherstellte. Er wurde von Dr. Stehls über mögliche Komplikationen und deren Behandlungen informiert. Ebenso kam die Dorfkrankenschwester Hilde Winter vom Roten Kreuz. Sie sollte meine Mutter
unterstützen und Besorgungen aus der Apotheke usw. tätigen.
Am 20.08.1979 wurde ich im Nebenschauplatz der Dialyse, eingeschult. Die Schule machte mir keinen Spaß. Denn ich
war durch die Dialyse so müde, dass ich in der Klasse teils eingeschlafen bin. Um den Lehrkörper über meine Situation zu informieren, reisten Evelyn und Isolde aus Heidelberg an. So wurde das
Lehrerkollegium von der Diplompsychologin und der Lehrerin der Uniklinik Heidelberg informiert. Diese Informationen wurden von den Lehrern aller Klassen bei Elternabenden an die Eltern
weitergegeben. Die erklärten wiederum Ihren Kindern, was mit mir los ist und worauf sie im Umgang mit mir achten müssen. Ich war so in der Schule, besser überwacht als der Präsident der USA. Eine
normale Kindheit war dies nicht. Immer wurden die Lehrer gefragt, darf er dies, darf er dass? Hier hielt ein ganzer Ort zusammen. Noch heute, höre ich, wenn ich auf Festen ehemalige Schulfreunde
treffe, darfst Du das heute trinken?
Da ich immer mit dem Taxi zur Schule und nach Hause gefahren wurde, war ich auch in dem Punkt etwas Besonderes.
Eine normale Schulzeit, wie sie andere Kinder hatten, war durch die Krankheit bei mir nicht möglich. Zudem fehlte ich über 50 Tage im ersten Schuljahr.
Im Anschluss an die Schule machten wir dreimal die Woche Heimdialyse. Zur Anhängezeit kam Dorfkrankenschwester
Hilde. Sie versuchte mich zu beruhigen, sodass ich mich von meiner Mutter, problemlos hab stechen lassen. Mit ihrer Anwesenheit sollte auch verhindert werden, dass meine Mutter von mir, verbal
angefeindet wurde. Denn da war ich sehr einfallsreich. Meine Mutter musste nicht nur viel leisten und zurückstecken, sondern von mir auch viele Gemeinheiten ertragen. Oft musste unser Hausarzt
während der Sprechstunde oder vom Tennisplatz zur Punktion kommen. Er versuchte alles, damit ich mich von meiner Mutter punktieren lies. So versuchte er es mit Bestechung. Er versprach mir ein
Ring Lyoner (Fleischwurst), eine Flasche Kinder Cola sowie "Pattex" (Leim). Ich schnüffelte an "Pattex" wie am Desinfektionsmittel sehr gerne. Mit
ausgetüftelter Bestechung schaffte er es fast immer, dass meine Mama stechen durfte. So tanzten alle nach meiner Pfeife und ich zog Gewinn daraus. Dumm war ich in meiner Leidensphase nicht. Eben
Ihre Majestät König Martin von Bildstock! Wie es das Bild aus Heidelberg aufzeigte.
Schulklasse 1979
Wegen der Dialyse hatte ich viele Fehlzeiten in der Schule. Mein Klassenlehrer Herr Weber, kam
daher wöchentlich zum Nachhilfeunterricht. Oft besuchten mich während der Dialysezeit Klassenkameraden, Nachbarskinder und Familie während der Behandlung. Auch unser Pastor Herr Fischer besuchte
uns regelmäßig. Sie redeten, spielten mit mir oder lasen mir Geschichten vor. So trugen alle abwechselnd dazu bei, dass die Zeit für mich an der Dialyse schneller verging. Denn die dauerte
zwischen 8 und 10 Stunden. Einmal viel während der Behandlung der Strom aus. Meine Mutter musste über Handkurbel die Dialyse beenden. Mein Vater informierte im Anschluss die Stadtwerke über meine
Situation. Er bat darum, frühzeitig über Abschaltungen informiert zu werden. Hier erhielt er die Antwort, dass man erst die Geschäftsleute
informieren müsse, da es um finanzielle Verluste ginge. Mein Vater lud den Sachbearbeiter zum Ortstermin. Als er mich und das Blut erblickte, kollabierte er. Noch lange Jahre nach der
Heimdialysezeit wurden wir über Abschaltungen informiert.
Alle 4 Wochen oder bei Problemen musste ich nach Heidelberg zur Kontrolle. In 1979 war ich ab August noch 8-mal
(insgesamt 48 Tage) in Heidelberg stationär. Hier wurde Blut abgenommen, behandelt und mir Blutkonserven verabreicht. Es gab noch kein Erypo. Bei den Klinikaufenthalten wurde ich auch zur
Transplantation vorbereitet. Der Stationsarzt Dr. Müller Wiefel leitete und führte die notwendigen Voruntersuchungen durch. Dies wurde in Gebäude 364 (Institut für Pharmazie und
molekulare Biotechnologie) vorgenommen.Parallel wurden auch meine Eltern getestet, ob sie als Lebendspender infrage kamen. Zum Glück kamen
sie nicht infrage. Schon als Kind wollte ich keine Lebendspende. Was genau ich mir dabei dachte und warum ich dies ablehnte, kann ich heute nicht
beurteilen.
In dieser Vorbereitungszeit belauschte ich unbemerkt ein Gespräch zwischen meinem Vater und Dr. Müller Wiefel.
Es ging dabei mit um meine Lebenserwartung. Dr. Müller Wiefel vermutete damals, dass ich so um 13 Jahre alt werden könnte. In der saarländischen Kinderklinik sagte man meinem Vater schon früh,
"machen sie noch ein Kind, dass hier wird nichts mehr." Jeder wäre über die Erfahrung schockiert oder ängstlich gewesen. Nicht ich! Mein erster Gedanke war, warum soll ich jetzt noch für die
Schule lernen, dass macht kein Sinn. Kindliche Naivität. Ich mochte, wie erwähnt die Schule samt Hausaufgaben nicht. Wo andere Kinder an der Dialyse mit Frau Krone fleißig lernten, simulierte
ich, kurz bevor sie zu mir kam, dass es mir nicht gut ging. So musste ich seltener mit ihr lernen. Aber Isolde durchschaute mich. Sie kam oft an mein Bett und meinte, wir lernen mal etwas, das
lenkt dich ab. Widerwillig machte ich mit.
Nach Beendigung der Untersuchungen zur Transplantationsvorbereitung lernte ich Prof. Dreikorn kennen. Viele
Kinder erzählten mir, sie hätten Angst vor ihm. Beim ersten Gespräch in seinem Büro saß ich im Sessel und äußerte, "dass Du es weist, vor Dir habe ich keine Angst." Damit muss ich etwas ausgelöst
haben, was fortan zu einem sehr liebevollen Verhältnis zwischen uns führte. Dazu in weiteren Kapiteln mehr. Bis zum 02.08.1980, bis der Anruf zur Transplantation kam, dialysierten wir zu
Hause.
Lesen Sie zuvor im nächsten Beitrag " Der Durst - Feuerwasser, Weihwasser und Einbrüche!
Feuerwasser -
Weihwasser und Einbrüche
Mit allen
Wassern gewaschen!
Wie Sie in einem vorherigen Beitrag lesen konnten, musste ich lernen, mich an eine Flüssigkeitszufuhr von
täglich nur 500 ml zu gewöhnen. Den Sinn verstand ich oder wollte ihn als Kind nicht verstehen. Der Durst bestimmte meinen Alltag. So war ich im Organisieren von Getränken sehr talentiert.
Mit dem Hintergrund landete ich auch zu meinem eigenen Schutz, klinisch hinter Gitter. In der Klinik konnte man mich so vor mir selbst schützen, aber wie sollte dies zu Hause funktionieren
...?!
Da ich in der Schule von Mitschülern und Lehrer immer beobachtet wurde, gelang es mir zu meinem Ärger, hier
niemals etwas heimlich zu trinken! Zu Hause war ich allerdings "sehr" erfindungsreich und ein König des heimlichen Trinkens! Ich bin sicher, dass meine Eltern in diesem Bericht noch Dinge
erfahren, die sie sich so in den Abläufen seinerzeit, nicht hätten vorstellen können.
Meine Eltern verschlossen vor mir alle Räume im Haus, wo Getränke zu finden waren. Sie legten die Schlüssel für
die Türen so hoch, dass sie sich 100 % sicher waren, sie seien für mich unerreichbar. Ein "großer" Irrtum! Von meinem Ideenreichtum und der Kaltschnäuzigkeit hätte ich ein Familienmitglied
de berühmten Safeknackern Gebrüdern Sass, der 1920 Jahren, sein können. Ich bin beim Schreiben sprachlos über meine Taten. Ich begreife nicht, wie ich als achtjähriges Kind, dies alles zustande
bringen konnte.
So erreichte ich den Schlüssel (Nachstellung)
Meine Mutter legte den Schlüssel nach dem Verlassen der Küche, immer oben auf die Garderobe. Am Abend, wenn Sie
und mein Vater im Wohnzimmer am TV saßen, bemängelte ich aus meinem Zimmer, regelmäßig solange die Lautstärke, des Fernsehgeräts, bis die Tür vom Wohnzimmer geschlossen wurde. Jetzt kam meine
Gunst des Augenblicks! Ich kannte die Gewohnheiten meiner Eltern sehr genau. Papa schlief auf dem Sofa fast immer beim TV ein. Mama stand kaum aus dem Sessel auf, bevor der 20:15 Uhr Film nicht
zu Ende war. Mit Werbeunterbrechungen im TV musste ich zu dieser Zeit nicht rechnen, sie existierten noch nicht. War die Wohnzimmertür geschlossen, wartete ich 10 Minuten und schlich auf
Strümpfen geräuschlos die braune Treppe herunter. An der Garderobe angekommen, nahm ich meinen unauffällig deponierten Wanderstock, bewegte den Schlüssel oben auf der Garderobe mit dem Griff des
Stockes ganz langsam nach vorne. Solange bis der Schlüsselgriff mit dem Loch über der Garderobenablage zu erkennen war. War die Position erreicht, steckte ich die Stockspitze in das Loch des
Schlüsselgriffes und konnte so den Schlüssel aufnehmen. Ich sperrte lautlos die Küchentür auf, stellte eine zuvor organisierte leere Limonadenflasche aus meinem Zimmer ins Getränkekörbchen und
nahm mir eine Neue. Ich verschloss die Küchentür wieder. Steckte den Schlüssel auf den Wanderstock und legte ihn so, wie ich ihn genommen hatte, wieder auf die Garderobe. Ich wurde nie dabei
erwischt! In meinem Zimmer zurück trank ich etwas aus der Flasche und ging dann schlafen. An einer Flasche hatte ich mehrere Tage, so viel es wohl auch nicht auf, wenn ich eine Flasche
austauschte.
An manchen Abenden durfte ich 50 ml Malzbier mit in mein Zimmer nehmen. Ich musste die Menge abmessen und
meiner Mutter den Messbecher zeigen. Zuvor spülte ich eine leere Dose, mit der Begründung aus, dass es mir aus der Dose besser schmeckte als aus einem Glas. Mein Trick, die Dose blieb beim Spülen
fast voll mit Wasser, das Malzbier wurde dazugegossen. Mit einem Glas wäre dieser Schwindel nicht möglich gewesen. So konnte ich statt 50 ml fast 300 ml trinken.
Mein Großvater wie mein Vater waren wie schon erwähnt, Schlossermeister. So hatten wir zu Hause eine komplett
Eingerichtete Schlosserei. Darin zu finden war auch ein "Dietrich Set" um alte Schlösser zu öffnen. Den nutzte mein Opa Peter meist, wenn Schlüssel abgebrochen waren. Dieses Set verschaffte ich
mir immer wieder zum Spielen. Ich übte an der Werkstatt/- wie Kellertür. Dabei zeigte ich Opa immer, wie ich als Gehilfe die Türen öffnen könnte. Keiner wusste, dass ich hiermit, an der Seite
unseres Hauses, den Öl-Keller aufschloss. Zu der Tür existierte offiziell kein Schlüssel mehr. Diese Tür war von der Werkstatt und dem Haus nicht einsehbar. Ich fuhr mit meinem Rad im Hof umher
und plötzlich stand mein Fahrrad (mein ganzer Stolz) allein im Hof. Opa dachte ich bin oben, Mama und Oma dachten ich bin bei Opa. Über den Öl-Keller erreichte ich unbemerkt unsere Kellerräume.
Die waren wegen mir ebenfalls verschlossen. Nun erreichte ich alle Getränke. Ich bevorzugte "Flirt" von Aldi in Dosen. Die Dose genoss ich unbemerkt im Öl-Keller, wo mich keiner vermutete. Heute
noch, habe ich den leicht beisenden Geruch des Öles, in dem kühl feuchten Raum, in der Nase. War ich fertig, verschloss ich die Tür und entsorgte die Dose. Dosenpfand existierte zum Glück noch
nicht. Trotz allem hatte ich immer ein schlechtes Gewissen bzw. leichte Angst, ich könnte im Anschluss ans Trinken sterben. Denn in Heidelberg hatte man mir erklärt, dass das viele Schlucken,
nicht gut für mein Herz sei. Aber mit der Häufigkeit erkannte ich eine gesicherte Gefahrenlosigkeit. So wusste ich, wann immer diese Gespräche zu meinem Gewissen auftauchten, redet ihr nur, ich
habe meine Erfahrungen! Allerdings verstand meine kindliche Naivität nicht, dass
ich wegen Überwässerung immer wieder zur Dialyse in Heidelberg landete. Meine Mutter war ratlos und oft nervlich belastet, wie ich dies immer wieder erreichte.
Die Hinterhöfe zu den Kellern
Ich war mit dem Dietrich so geschickt, dass ich alle Kellertüren unserer Nachbarn aufschließen
konnte. Es waren zu dieser Zeit keine Sicherheitsschlösser wie heute, sondern Kastenschlösser. Ich wusste mit der Zeit genau, wo jeder seine Getränke stehen hatte. Ich beobachtete, wann sie
wegfuhren, klingelte dann noch nach der Methode Klingelstreich, um mich abzusichern. Dann wurde ich mit dem Dietrich Set zum Einbrecher,
trank eine halbe Flasche Limonade oder Mineralwasser und verlies das Haus wieder. Vieler meiner Freunde bekahmen dafür zu Hause Ärger. Deren Eltern ärgerten sich über die angebrochenen Flaschen
im Kasten. Zwar beteuerten meine Freunde ihre Unschuld, aber keiner glaubte ihnen! Mich hatte für die Tat sicher keiner im Blickfeld! Meinem Freund Markus wurde, da dieser Keller der einfachste
war, immer wieder der Hosenboden strammgezogen. Dabei beteuerte er, auch zu Recht, seine Unschuld. Die Aufklärung von mir erfolgte erst ca. 15 Jahre später. Da wurde es, nun im Erwachsenenalter,
mit großem Humor aufgenommen. Nur Markus Beschwerde sich für diese zu unrecht erhaltenen Schläge. Zu der Zeit war die Erziehung mit einer festen Hand noch Familientradition.
Bei der Gelegenheit erklärte ich auch meinem Nachbar Albert, dass ich wegen ihm
aufhörte, in die Getränkekeller einzusteigen. Als er mit seiner Frau Elfriede weggefahren war, ging ich wie gewohnt von der Waldseite in ihren Keller. Ich muss bemerken, seine Kellertür stand
immer offen. Als ich gerade im Keller auf dem Weg zu den Getränken war, ist er überraschend zurückgekehrt. Ich versteckte mich eilig in seinem Heizungskeller. Da stand ich nun zusammengekauert in
der Ecke an seinem Kohlenofen, sodass ich von der Tür nicht zu sehen war. Mein Herz pochte vor Angst entdeckt zu werden, wie wild! Er machte dann kurz das Licht an, verlies aber wieder, das Haus.
Fortan ging ich in keinen Nachbarkeller mehr.
Da ich nicht mehr in die Nachbarkeller einstieg, erschwerte sich die Getränkebeschaffung. Im Winter war zudem
die Schlosserei verschlossen. So kam ich nicht an die Dietriche und in den Öl-Keller. Nun suchte ich im Haus verzweifelt nach etwas Trinkbarem. So fand ich nach einer Renovierung unseres
Wohnzimmers, eine Flasche Wein im Schlafzimmer meiner Eltern. Die wurde beim Zurückräumen, vergessen. Es war eine Literflasche. Diese war zur Hälfte leer. Daraus trank ich aus heutiger Einschätzung, ca. 5 cm. Was ich nicht wusste war, dass dies kein Wein, sondern Ansatzschnaps von meiner Oma Maria, für den
Magen war. Nach dem trinken, ging ich, da es Samstag war, mit besagter Oma zum Einkauf. Ich habe bis heute noch das Gefühl im Kopf, welches mich überkam, als ich an die frische Luft kam. Von
jetzt auf gleich war die Welt vollständig eigenartig. An der Hand meiner Oma ging ich wunderlich. Ich stolperte über jeden Stein und rief hoppla ... hoppla ... Oma kam das alles seltsam vor. Im
ASKO (Einkaufsmarkt der 80iger), lief ich wohl einer Paprikaschote nach, die keiner außer mir gesehen hatte. Meiner Oma war dies, weil ich krank war, nicht geheuer und sie brachte mich umgehend
nach Hause. Da schilderte sie meiner Mutter mein Verhalten. Meine Mutter dachte ich müsste etwas essen, dann ging es mir wieder besser. Das
Mittagessen hatte sie schon fertig. Jedoch aß ich in der Motorik etwas seltsam. So rief sie meinen Vater hinzu. Als er sah, wie ich immer wieder die Gabel am Ohr vorbei führte und den Mund nicht
traf, sagte er, Martin ist alkoholisiert. Meine Mutter erklärte ihn für verrückt! Ich merkte wohl, dass etwas nicht richtig war, und wollte daher schnell in mein Zimmer. In Schlangenlinie lief
ich durch die Küche. Mein Vater packte mich, legte mich auf mein Dialysebett, wo ich sofort einschlief. Dann kam wohl auch die Alkoholfahne durch. All das kenne ich nur durch Erzählungen.
Mein Vater rief nun in Heidelberg an und erreichte Dr. Müller Wiefel. Der erklärte sie müssen ihren Sohn
aufwecken. Mein Vater versuchte einiges, damit ich aufwachte. Als es gelang, sagte er zu mir Dr. Müller Wiefel ist am Telefon und möchte mit dir reden. Drauf soll ich gesagt haben, "der soll
seinen Wein alleine saufen, ich habe genug." Dr. Müller Wiefel bestellte uns in die Klinik nach Heidelberg. Da angekommen meinte er, jetzt testen wir mal ob Martin wirklich betrunken ist. Er
sagte: "Martin gib mir deine Hand, ich muss Blutabnehmen." Ich gab ihm freiwillig meine Hand, ohne wie sonst Zirkus zu machen. Da meinte Dr. Müller Wiefel: "Martin muss betrunken sein." Das
gerichtsmedizinische Institut Heidelberg bescheinigte mir, über 10 Stunden nach Genuss des Ansatzschnapses, noch einen Blutalkoholspiegel von 0,8 Promille. Ich durfte am selben Abend wieder nach
Hause.
Einige Wochen später fand ich beim Suchen Weihwasser im Kleiderschrank meiner Eltern. Das trank ich bis zur
Hälfte im Jahr 1980 aus. Das Weihwasser brachte meine Oma Mitte der 60iger Jahre aus Lourdes mit. Das Wasser war hygienisch nicht mehr genießbar. So erlangte ich eine sehr schwere
Salmonellenvergiftung. Ich lag 4 Wochen in Heidelberg und kämpfte um mein Leben. Mein Onkel Harald sagte im Anschluss: "Siehst Du Martin, als Du das Feuerwasser des Teufels getrunken hast,
konntest Du gleich wieder heim. Aber vom heiligen Weihwasser wurdest Du schwer krank. Trink zukünftig nur Feuerwasser wie die Indianer!"
Ich trank wirklich alles, was ich in die Finger bekommen hatte. Gleich ob es Mineralwasser, Wein oder Bier war.
Es ging mir nur um Flüssigkeit nicht um Alkohol. Als wir mit der Uniklinik Heidelberg zur Ferienfreizeit nach Königsfeld fuhren, übergab ich beim Einstieg in den Bus, meinem Vater den Schlüssel
zu meinem Schreibtisch. Er sollte ihn, in meiner Abwesenheit ausräumen. Da hatte ich alle leeren Flaschen gelagert. Man sagte später, er hätte über 30 Flaschen bestehend aus Mineralwasser, Bier-/
und Weinflaschen ausgeräumt.
Bei meiner Oma erwischte ich oft das Blumenwasser auf der Fensterbank. Auch das Kännchen trank ich aus. Das
erzählte ich damals meinem freund Thomas Lehn (auch fast 50 Jahre Dialysepatient), der erklärte mir, er war und ist 15 Jahre älter, ich dürfe kein Blumenwasser trinken. Noch heute ist dies eine
Anekdote zu unserem Kennenlernen, wenn wir bei gemeinsamen Veranstaltungen Laudatien halten.
Dialysebett, Bettenwaage und Nachtisch
Damit mein heimliches Trinken an der Dialyse nicht auffallen sollte, wog ich auf der Bettenwaage Kilosteine, von
einer alten Küchenwaage meiner Oma aus dem Keller mit ein. War ich im Dialysebett, versteckte ich die Steine in meiner Schublade des Nachtisches. So stimmte das Gewicht auf der Bettenwaage meist.
Oft war ich dadurch aber wie erwähnt, so überwässert, dass ich zur Klinikdialyse nach Heidelberg musste. Ich hatte die große Gabe mich mit Dingen so zu beschäftigen, dass man nicht auf die
Absicht meines Handelns gekommen ist.
Über die Situation mit den leeren Flaschen und der immer wieder vorkommenden Überwässerung wurde auch Evelyn
Reichwald informiert. Sie sollte mich psychologisch darauf hin betreuen, dass ich mit dem heimlichen Trinken, aufhören sollte. Leider hatte sie da keinen Erfolg! Parallel zu meinen Versprechen,
damit aufzuhören, organisierten wir uns als kleine Patienten täglich in der Klinik zum heimlichen Trinken. Wir Kinder hielten im Zimmer in dem Punkt, zusammen. So lenkte ein Kind die
Nachtschwester in der Zeit mit Blutdruckmessen ab, wo die anderen Getränke und Essen aus der Stationsküche organisierten. Mario organisierte sogar mal Rohesser, die er in der Unterhose ins Zimmer
schmuggelte. Die durften wir, wegen salzarmer Diät, nicht essen. Sie waren mit organisiertem Malzbier (Karamalz), sehr lecker!!!
Sie sehen anhand dieser Schilderung welche große Bedeutung der Durst selbst bei Kindern hatte, die ja nie ein
normales Leben kennengelernt haben. Für Erwachsene ist die Situation noch schwerer. Sie kennen ein normales Leben, mit uneingeschränkter Trinkmenge. Jedoch kann ich meinen Mitpatienten jeder
Altersklasse nur anraten, sich an die Vorgegebene Vorgaben beim Trinken, zu halten. In 40 Jahren Dialyse habe ich keinen Patienten erlebt, der dauerhaft mit vier bis sechs Kilo zur Dialyse
gekommen ist und dies lange überlebt hatte. Ich weiß ich werde die Patienten mit meiner Aussage nicht erreichen. Aber es ist auch in erster Linie ihr Leben.
Ich habe auch dank von Dr. Mehls und seinem damaligen handeln, später gelernt diszipliniert zu sein. So habe ich
heute nach einem Wochenende nie mehr als 2 Kilo an Gewicht dabei. Ohne diese Disziplin würde ich sicher nicht mehr leben!
Die Erinnerung an die Geschichten trage ich heute noch alle mit Heiterkeit in mir.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich das erste mal transplantiert wurde und erneut die Letzte Ölung von
Pfarrer Ritsche erhielt.
„Prof. Dr.
Martin Müller“ erhält die Letzte Ölung wird geohrfeigt und läuft davon!
Die Zeit mit Heimdialyse und heimlich trinken verstrich und nunmehr sollte ich erstmals mit den Kindern der Kinderklinik Heidelberg, in die
Ferienfreizeit nach Königsfeld fahren. In der Vorkehrung mussten meine Eltern noch Erledigungen für meine Reise tätigen.
Ich durfte daher das Wochenende bei den Großeltern Oma Elli und Opa Paul verbringen. Gegen 17.00 Uhr läutete bei meinen Großeltern das Telefon.
Großvater sprach sehr ernsthaft und fertigte Notizen. Worauf er erklärte: "Meine Tochter und Schwiegersohn melden sich umgehend bei Ihnen. Martin bringe ich inzwischen nach Hause.“ Gleichsam
wurde mir ganz heiß und in mir stieg Angst auf, als ich das hörte. Ich spürte etwas kommt auf mich zu. Ich bekam große Angst und weinte. Großvater sagte mir aber nichts.
Wieder zu Hause waren auch meine anderen Großeltern, völlig angespannt. Sie verfügten über den gleichen Wissensstand. Nun kamen meine
Eltern zurück und wurden von den Großeltern informiert. Ich war weiter ahnungslos. Mein Vater telefonierte. Als er wieder kam, erklärten mir meine Eltern ruhig, wir müssen nun nach Heidelberg,
Dr. Querfeld (heute Professor in Berlin) hat uns benachrichtigt, es sei eine Niere für dich gefunden. Ich rutschte sofort vor Angst in eine emotionale Ausnahmesituation und lies mich kaum
beruhigen.
Chierurgie Heidelberg
Mit dem Taxi erreichten wir Heidelberg gegen 23:00 Uhr. Ich wurde in der Chirurgie von Dr. Horch und Dr. Rößler (heute beide Professoren) in Empfang
genommen. Es erfolgten einige Untersuchungen sowie eine Dialyse. Mein Teddy, der bis heute ein Talisman darstellt, musste bei allem, bis in den OP, dabei sein. Im OP bekam er wie ich OP-Kleidung.
Von 8:00 Uhr bis 11:00 Uhr fand die Transplantation statt, wo ich die linke Leichenniere eines 12 jährigen Mädchen aus Tilburg (Niederlande) rechts erhielt.
Auf der Station 6. Wach erwachte ich wieder. Es war ein langer Weg zurück ins Bewusstsein, bis ich meine Eltern und Schwester Liselotte, die von mir
„Leise Lotte“, wegen ihrer zarten Stimme genannt wurde, klar visierte. Ungetrübt bekam ich mit, wie alle sprachen, besaß aber nicht die Befähigung, mich zu artikulieren oder eine Reaktion zu
zeigen. Die Narkose zu dieser Zeit war sehr quälend und ich erbrach mich in der Aufwachphase. Ich hatte zudem einige Schläuche in mir, der Bauch schmerzte und der Blasenkatheter war sehr
unangenehm. Ich durfte nicht aufstehen. So brachte man mir bei großen Notwendigkeiten, die ekelerregende kalte Pfanne ins Bett. Die hasse ich bis heute!
Nach einigen Tagen wurden die Schläuche gezogen, in der Folge auch die Klammern und die Nadeln. Am 25.08. wurde ich stabil in die
Kinderklinik verlegt.
In der SItuation hatten die Ärzte keine Hoffnung mehr für mich.
Dort Erlangte ich bedingt durch die Immunsuppressive und das geschwächte Immunsystem eine Lungenentzündung. In dieser Wandlung waren weder Prof.
Schärer noch Dr. Mehls in Heidelberg, um mich qualifiziert zu behandeln. Nach Ermessen meiner Eltern (ich konnte das nicht bewerten), beherrschten die Ärzte vor Ort meine Behandlung nicht. In der
Folge packte mich mein Vater in eine Decke und brachte mich am 04.09. unterirdisch zurück in die chirurgische Klinik zu Prof. Dreikorn auf die 6. Wach. So resultierte die Behandlung der
Lungenentzündung. Die gleichzeitige Abstoßung wurde vom 1.09. bis 05.09. mit täglich 750 mg Cortison iV. therapiert. Weiter versuchte man mit Hasen-/Pferdeserum mein Immunsystem von der Niere
abzubringen, um diese so zu retten. Es gab zu jener Zeit keine zahlreiche Immunsuppressionen wie heute in 2020. Im Therapieverlauf stieg mein Kreatinin auf 3 mg% und mein Harnstoff auf 110 mg
%.
Die Abstoßung und Behandlung führte zu schweren Nebenwirkungen. So war mein Blutdruck kaum beherrschbar. Hauptsächlich in der Nacht entwickelte ich
Blutdruckspitzen bis 260 zu 150. In diesem Fall erhielt ich teils mehrmals in der Nacht, Hypertonualum (Diazoxid) zur Blutdrucksenkung. Das Medikament hatte wiederum starke Nebenwirkungen, sodass
ich tags darauf sehr abgeschlagen war. Über den Tag erhielt ich als 8 jähriger Junge: 4x 50mg Lasix (Wassertablette), 3x 40mg Dociton (Betablocker), 4x1 Nephresol (Blutrucksenker) sowie 3x1
Catapresan, 1 Catapresan Perlongette abends, 4x25 mg Captopriel, Luperin und Minispres (alles Blutdrucksenker). Vom Captupriel bekam ich solche Hautveränderungen, dass ich noch Tavegil
(Antiallergikum) benötigte. Maloxan (Magenmittel) und Muronal (gegen Pilze) befanden sich auch auf meinem Medikamentenplan. Das unzählige Kortison/Urbason bewirkte obendrein, ein stark
aufgedunsenes umgangssprachliches Mondgesicht. So wurde ich in der Zeit auch von vielen Kindern demütigend charakterisiert. Medizinisch erwog ich mich in einer gewaltigen Ausnahmesituation. Prof.
Dreikorn kümmerte sich sehr um mich.
Prof. Dreikorn und ich hatten eine außergewöhnliche Beziehung. Nahezu eine Freundschaft, wie ich es als Kind empfand. So organisierte er, da ich das
Klinikessen nicht wollte, dass die Schwestern mir Hähnchen oder Pizza außerhalb besorgten. Meine Eltern beließen mir für so Sonderfälle Taschengeld vor Ort. Weiter nahm er mich im kleinen weißen
Kittel mit Namenschild „Prof. Dr. Martin Müller“ mit auf Chefvisite. Ich fuhr ihn auf der Trage über die Station oder spritzte Schwestern mit großen Spritzen nass, die ich von ihm mit Wasser
erhalten hatte. Ich musste auf meine Spielzeugautos aufpassen, denn er entwendete mir immer meine London Busse von Matchbox. Suchte ich sie, fand ich sie in seinem Büro im Regal. Im Gegenzug
eignete ich mir heimlich seine Stifte wie Piepser bei Untersuchungen an. Er wollte mich damals sogar mit zu einem Kongress nach Amerika nehmen. Ich wollte nicht, er schrieb mir zwei Karten von
der Kongressreise. Ich mochte ihn sehr und denke heute noch gerne an die Zeit wie jetzt beim Schreiben. Er begleitete meinen Klinikaufenthalt, in einer gesundheitlichen schweren Lage so, dass
noch heute die positiven Erinnerungen an die Zeit, die negativen übertreffen. Dafür bin ich ihm bis heute sehr dankbar!
In dieser Zeit lernte ich auch Fräulein Auer
katholische Sozialarbeiterin sowie Herrn Pfarrer Ritsche, die mich seelsorgerisch wie freundschaftlich geleitet haben, kennen. Sie Besuchten mich spielten mit mir und lasen mir Geschichten vor.
Als ich die schwere Lungenentzündung hatte und die Ärzte kaum noch Hoffnung für mich besaßen, erhielt ich von Pfarrer Ritsche erneut in meinem jungen Leben, die Letzte Ölung (heute
Krankensalbung). Ich besitze auch zu diesen Menschen sehr positive Erinnerungen wie Andenken, die mich im alltäglich spirituellen Leben, bis heute begleiten.
Im Verlauf des Aufenthaltes auf der Station 6. Wach, wiederfuhren mir auch zwei negative Erlebnisse. Beide sind bis heute prägend! So war ich am
Mittagessen, als sich die Tür öffnete und eine Art OP-Team mit abgedeckten Wagen den kleinen Raum der Wachstation betrat. Mein Bett befand sich direkt rechts neben der Tür vor einem großen rot
gekachelten Medikamentenstützpunkt. Man erkundigte sich nach mir. Mir war kein Eingriff angekündigt so war ich auch nicht darauf vorbereitet. Die Leute kamen alle samt zu mir, nahmen mir wortlos
das Essen weg, zogen mir das Oberteil des Schlafanzuges aus und kippten das Bett samt mir flach. Emotionalität im Umgang mit einem Kind fehlte bei diesem Stoßtrupp komplett. Ich fing an zu
schreien und nach meiner Mutter wie Vater zu rufen! Keiner der Leute lies von mir ab, im Gegenteil man hielt mich erneut fest, um einen Zentralen Venenkatheter zu legen. Als ich das Vorhaben
begriff, bettelte und flehte ich, mir den Katheter rechts zu legen, da es links nie erfolgreich war. Aber dem Kind hier schenkte man weder emotionale Aufmerksamkeit noch Gehör! So endeten zwei
Versuche immer in der Nähe des Ohres. Der dritte Versuch auf der rechten Seite glückte auf Anhieb. Ich trage heute diese Situation noch lebendig in mir. Die Leute beugten sich wie ein Bogen über
mich fixierten mich durch drücken ins Bett und führten die Katheter ein. Am Ende stellte man mir das Essen wieder hin und lies mich weinend zurück. Ich befand mich erneut in einer emotionalen
Krisensituation. Die Schwestern der Station tröstenden mich. Katheter am Hals sind mir seither ein Greul!
Ein anderes Mal ohrfeigte mich eine Schwester, da sie die Nerven bei meiner hartnäckigen Ablehnung zu Inhalieren verlor. Dies hatte für sie
Konsequenzen, da die Patientin neben mir, dies meiner Mutter und den Ärzten schilderte.
Dann zählte ich in der Chirurgie fast ein Tag als unauffindbar. Im Untersuchungsraum hörte ich von der Schwester, dass eine Blasenspieglung erfolgen
sollte! Ich war so geängstigt, dass ich als sie den Raum verließ, durch die Tür hinter der Liege fortschlich. Ich schlich über Irrgänge zurück zur Station. Ich wusste, dass im Toilettenraum, eine
Tür zur Putzkammer war. Hier setzte ich mich in den hintersten Winkel auf einen Eimer und harrte im dunkeln, bis mich die Putzfrau am Abend zufällig aufspürte, aus. Die Blasenspieglung blieb mir
in der Folge erspart.
Über den Flur rannte ich und Papa mir nach!
Nicht erspart blieb mir eine Angiographie. Mein Vater begleitete mich mit Pfleger Theo zur Untersuchung. Ich lag nun vorm Untersuchungsraum auf der
Liege. Ich war wiederum sehr ängstlich. Als mein Vater mit dem Arzt sprach und ich mich unbeobachtet fühlte, sprang ich blitzartig wie unerwartet für alle, von der liege auf und rannte barfüßig
im Flügelhemd wie um mein Leben davon. Mein Vater rannte mir nach, fasste mich und hob mich hoch. Noch in der Luft lief ich, dann trat und boxte ich unter Zappeln meinen Vater. Es nutzte nichts,
die Gefäßdarstellung der Niere erfolgte. Allerdings nun mittels leichter Narkose.
Am 06.10. wurde ich nach 65 Tagen entlassen. Mein Kreatinin war 1,1 mg % und Harnstoff 75 mg %. Es war ein unvergessliches Gefühl zu Hause mit den
Eltern zu Tisch zu sitzen und wieder alles essen und trinken zu dürfen. Nun gewährte man mir wieder nach der Flasche zulangen. Auch konnte ich an den Kühlschrank ohne Überwachung und mir
einheimsen, was ich erwünschte. Im Haus standen mir wieder alle Türen offen. Es war ein Gefühl, als öffnete sich bei einer Burg das Falltor zur Freiheit! Nur mein Blutdruck stellte weiter
Probleme dar. Meine Mutter verbrachte viele Nächte im Wohnzimmer an meiner Seite. In der Zeit, wo ich schlief, wachte sie und kontrollierte den Blutdruck. Weckte mich, gab mir Medikamente und
ließ mich weiterschlafen. Wie meine Mutter, dem allem standgehalten hat, wird ihr Geheimnis bleiben. Sie war Tag und Nacht für mich da und zeigte dabei nie Schwäche. Jedoch war unsere Beziehung
immerzu angespannt. Sie musste zu viel ausführen, um mein Leben vor Schäden zu beschützen, was ich als Kind nicht begriff. So war sie immerzu Blitzableiter für meine Wutausbrüche.
Erbitterung löste ihre enorme Besorgnis um mich aus. Infolgedessen ließ sie kaum zu, dass ich mit meinen Freunden im Freien spielen konnte. Bei
jeder Unpünktlichkeit der vorgegebenen Zeit zum Heimkommen erhielt ich mehrere Tage Ausgangssperre. In der Zeit dieser Gefangenschaft, so empfand ich es damals, schlich ich zu Oma Maria im Haus,
wo meine Freunde Silke, Dirk und Torsten extra vor deren Fenster spielten. So banden sie mich ins Spiel mit ein. Dank Oma hatte ich wenigsten so etwas Kontakt zu meinen Freunden, wenn ich mal im
Saarland und nicht in Heidelberg weilte.
Oma fragte meinen Vater, ob sie dies dürfe, er war damit einverstanden. Aber wir mussten leise sein, damit es meine Mutter nicht mitbekommen hatte.
Meine Freunde erinnern sich heute noch daran. Die Angst meiner Mutter bestand darin, dass ich mich, bedingt durch die Immunsuppression wo anstecken oder ich mich beim Klettern auf Bäumen u.s.w.
am Shunt (Gefäßzugang für die Dialyse) verletzen könnte. Sie hatte große Verlustängste um mich und wollte mich daher unter Kontrolle haben. Ich litt unter der Situation und entwickelte erneut
gegen sie Wut, da ich es nicht verstand. Papa war da lockerer. Eventuell hatte er die gleiche Angst, ließ mich aber dennoch in meinen wenigen Momenten zu Hause, Kind sein. Auch meine Eltern
befanden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation, die ich heute verstehe.
Am 16.10 hatte ich wiederholt eine Abstoßung (Rezidiv der fokalen Sklerose im Transplantat) und wurde in Heidelberg erneut bis zum 27.10. behandelt.
Ich hatte in kurzen Abständen, angereiht Abstoßungsreaktionen, die in Heidelberg therapiert wurden. Durch die Behandlung mit Cortison und zahlreichen weiteren Medikamenten war mein Blutdruck um
260/160. In der Kinderklinik war Dr. Mehls der Blutdruckspezialist für Kinder. Er teste damals unter Intensivüberwachung Luperin an mir. Zu dem Medikament gab es bis dahin noch keine große
Therapieerfahrung bei Kindern. Jedoch zeigte mein Blutdruck, wie auf andere Medikamente, keine Reaktion. Der hohe Blutdruck schädigte meine Niere zusätzlich.
Ab dem 09.01.1981 musste ich nach einer erneuten Abstoßung (Kreatinin 6,37 mg und Harnstoff 210 mg) wieder regelmäßig an die Dialyse. Dabei erlangte
ich in Verbindung mit Heparin und dem hohen Blutdruck, viel Nasenbluten. So erhielt ich fortan zwei bis drei Blutkonserven im Monat (Bis heute ca. 140 Liter). Dabei durchlebte ich nicht nur alle
allergische Reaktion sondern erlangte auch ein Hepatitis Non A Non B. Mit dem erneuten Beginn der Dialyse schloss sich für mich das Falltor der Freiheit wieder und ich stand neuerlich bei allem
unter Kontrolle!
Zu jener Zeit war ich zurückgerechnet 156 Tage transplantiert. In der Zeitspanne erhielt ich, laut meiner vorliegenden Aktenlage, 26.000 mg Urbason.
Dass ein Kinderkörper, dies samt anderen hochdosierten Medikamenten, inklusive radioaktiven Diagnoseverfahren (mehrmals wöchentlich Szintigrafien, harmlos war der Ultraschall siehe Bilder unten),
tolerierte, grenzte an ein Wunder. Jedoch zeigen sich diese Therapien vermutlich in der Veränderung des Immunsystems. Heute besitze ich zahlreiche medikamentöse Unverträglichkeiten, die meine
Ärzte nicht erfassen. Zahlreichen Kindern dieser Zeit ergeht es heute als Erwachsene ebenso.
Lesen Sie im nächsten Beitrag, wie ich nun im saarländischen Kreiskrankenhaus Völklingen unter Erwachsenen dialysiert wurde und Dr. Traut, Frau
Dr. Vogelgesang und viele Pfleger, die mich im Leben lang begleiten sollten, kennenlernte.
Ein Kind unter
Erwachsenen - Schlafstörungen, Wut- und
Schreianfälle.
Der Funktionsverlust meiner Transplantatniere bedeutete, dass ich
fortan wieder beim Essen und Trinken reglementiert und überwacht wurde. Ich war von Neuem abhängig/unfrei! Musste wieder an die Dialyse und am besten freiwillig, den Arm zur Punktion reichen.
Meine Theatralik zur Schmerzqualität und der Schmerzdauer beim Stechen mag ich heute als „etwas“ übertrieben bezeichnen. Aber das Gefühl bei allem
machtlos zu sein, machte mich so böse. Und ich war erbittert, dass meine Eltern mich nicht beschützten, sonder dem Anraten der Ärzte zustimmten.
Ärzte wurden so ein Stück zu meinen Feindbildern.
Es war damals nicht so, dass ich die Notwendigkeit der Dialyse und was dazugehörte für mein Leben nicht verstand, dies alles, hatte Prof. Schärer,
Dr. Mehls und Evelyn, mir/uns mit kindgerechter Literatur zur Verdeutlichung, gut erklärt. Nein nach all den hinter mir liegenden Beschwerlichkeiten, wo ich immerzu in Heidelberg wegen
Abstoßungen war, dabei heftige Nebenwirkungen der Medikamente erlitt, enttäuscht den erneuten Beginn der Dialyse erlebte, wollte ich einfach meine Ruhe. Was aber nicht umsetzbar war. So versteckte ich mich zu Hause oft unter meinem Bett. Dies hatte eine Klappe, die ich verschloss, sodass mich keiner sehen
konnte. Es war der einzige Ort, wo ich mich sozusagen vor allem eingegraben konnte. Hier überlegte ich teilweise lange, wie ich dem Medizinischen entkommen könnte. Rief oder suchte mich meine
Mutter, reagierte ich nicht und lies sie nach mir im Haus suchen.
Nun war ich in allem extrem eingeschränkt. Eine Freizeit, wie sie meine gesunden Freunde erlebten, war für mich ein Wunschtraum. Ich war mit der
langen und teils komplikationsreichen Dialyse schlicht überfordert. Dass es eine Überforderung war, konnte ich als Kind nicht einschätzen. In mir war Wut und ein großes Gefühl wie Hilflosigkeit.
Die Wut in mir, lies ich alle in meiner Umgebung verspüren. Meine Eltern dienten widerholt als Blitzableiter. Hauptsächlich meine Mutter. Sie musste so viele emotionale Angriffe hinnehmen.
Erneute Heimdialyse war für meine Eltern kein Thema mehr. Die belastende emotionale Situation, die ich beim ersten mal konstruiert hatte, war zu
groß. Auch unser Hausarzt Dr. Wahl, riet, da er die psychische Situation meiner Eltern kannte, davon ab.
So dialysierte ich nun regelmäßig in der Kinderklinik Heidelberg. Unser Tagesablauf war an Dialysetagen sehr strapazierend und beinhaltete von der
Abfahrt bis zur Heimkehr in Bildstock/Saar, 18 Stunden. Der Tagesverlauf forderte auch von meiner Mutter eine körperliche wie emotionale Höchstleistung.
In Heidelberg eingetroffen, wurde ich so gegen 9:00 Uhr an die Maschine angeschlossen. Der Anhängevorgang war wie immer von meinem bühnenmäßigen
Schmerzensruf, bei der Punktion begleitet. Im Anschluss wurde in Gemeinschaft gefrühstückt. Es folgte der Schulunterricht mit der Lehrerin Frau Krone. Sie kam zu jedem ans Bett und lernte so ca. eine Stunde mit uns. Wir waren vier Patienten in zwei Zimmern am Ende der Station H6. Wir sahen uns alle durch eine
Glasscheibe. Aus dem Zimmerfenster erblickte man das Heidelberger Schloss, den Neckar mit der Schifffahrt, den Spielplatz mit der alten blauen Straßenbahn und die US Basis. An den Fenstern hingen
lustige Gardinen mit Schlümpfen.
Das Team der Kindersialyse
Während des Unterrichts kamen die Ärzte und später Evelyn. Nach dem Mittagessen besuchte uns die Kindergärtnerin Frau Rohleder und spielte mit uns.
Manchmal machte Sie auch mit der Lehrerin Isolde, Anschauungsunterricht. So machten wir z.B. mal selbst Käse oder aus Korn Mehl. Wir schauten nicht nur einen Film zur Glasherstellung, sondern
besuchten auch eine Glasbläserei. Hin und wieder besuchte uns die Diätberaterin Frau Möller (heute Frau Bürki) und erklärte uns spielerisch, was wir essen durften. Worin also Kalium und Phosphat
steckten. Auch der Techniker Herr Schedewie erklärte uns bei Maschinenproblemen, die Maschinentechnik. So war ich/wir immer beschäftigt. Wir
Gleichaltrigen hatten aber auch untereinander viel Spaß während der Behandlung, auch wenn es uns schlecht ging. Die Gemeinschaft machte uns zu einer kleinen Bande, die sich trug und stützte.
Alles war auf unser Wohlergehen und Unterhaltung abgestimmt. So rückte die Behandlung selbst in den Hintergrund.
Am späten Mittag ging es uns nach und nach schlechter. Der Blutdruck senkte sich, die Fußenden unserer
Betten gingen dabei hoch. Das war das abendliche Dialysebild. Dann kamen die Krämpfe und hin und wieder kotzten wir uns die Seele aus dem Leib. Zu dieser Zeit existierte noch keine
Bikarbonat-Dialyse oder computergesteuerte Gewichtsabnahme, wie heute. Manchmal erlebten wir auch ein Hartwassersyndrom (Während oder direkt nach Hämodialyse auftretende akute Hyperkalzämie, verursacht durch eine nicht
ausreichende Wasserenthärtung (Defekt Osmoseanlage) ), dass zu plötzlichen und heftigen
Schmerzen, Muskelzuckungen, Kopfschmerzen u.v.m. führte. Auch erlebten wir immer mal wieder, wie der Blutschlauch in der Blutpumpe platzte. Der Blutverlust war, da man hierfür Vorsorge getroffen
hatte, übersichtlich. Nach der 10 bis 12 Stunden Dialyseschicht waren wir alle erschöpft.
So schlief ich oft schon auf der Heimfahrt im Taxi ein. Wiederkehrend hatte ich nach der Dialyse Fiber und Schüttelfrost. Vor allem an Tagen, wo ich
eine Blutkonserve erhielt. Erypo gab es zu jener Zeit noch nicht, infolgedessen bekamen wir in kurzen Abständen Blut. Der HB-Wert lag damals zwischen 3,5 g/dl bis 6,0 g/dl. Mittels der vielen
Transfußionen besaßen wir Ferretinspiegel von teils ca. 8.000 ug/l und mehr, heute um 250 ug/l. So lag bei allen eine Hämosiderose
(vermehrte Ablagerung von Eisen im Organismus als Folge einer erhöhten Eisenkonzentration im Blut)vor.
Die Dialysetage waren so anstrengend, dass am Folgetag ein Schulbesuch nicht möglich war. Ich wurde von der Schule freigestellt und erhielt von
meinem Klassenlehrer Herrn Weber, Hausunterricht.
Obengenanntes schilderte ich schon in anderen Kapiteln. Die Entwicklungen im Gesundheitlichen veränderten sich ständig und mussten stationär, immer
wieder angepasst werden. Die Abläufe der Dialyse waren dabei fast immer unverändert. Jedoch zeigen die widerholt dargestellten Abläufe der Dialyse in Heidelberg, eine bevorstehende unvermeidbare
Fehlentwicklung meiner Krankheitsbiographie auf.
Den Hausunterricht, mit dem Taxi zur Schule fahren zu können, viele Förderungen meiner Schwerbehinderung zu erhalten, war in der
Pionierzeit, keine Selbstverständlichkeit. Hierfür kämpfte mein Onkel Kurt (Bruder meines Großvaters Paul). Er war Schwerbehindertenobmann im
Sozialministerium. Er unterstützte meine Familie in einem fundamentalen Punkt. Mein Vater wurde von ihm so entlastet, dass er nur benötigte Unterlagen besorgte und hin und wieder mit zum
Sozialgericht musste. Von dem was mein Onkel erreichte, profitiere ich heute, 40 Jahre später noch.
Die Situation drei mal die Woche aus dem Saarland nach Heidelberg hin und zurück (ca. 360 km) zu fahren und 18 Stundentage zu verkraften, setzte
allen zu. Ich war völlig entkräftet und Mama bekam zu Hause kaum noch etwas geregelt. Ebenso waren die Chefs meines Taxiunternehmens Gabi und Henna, kaum noch zu Hause. Eine schonendere
Lösung musste gefunden werden.
Kreiskrankenhaus Völklingen
Mein Vater hörte, dass das Kreiskrankenhaus in Völklingen/Saar, eine Dialysestation besaß. Nach Rücksprache und in Zusammenarbeit mit den Ärzten in
Heidelberg nahm man zu Völklingen Kontakt auf. Nach Gesprächen zwischen den Kliniken, sowie meinen Eltern, war man bereit, mich in Völklingen zu dialysieren.
Am Montag den 02.03.1981 war es soweit und meine erste Dialyse fand in Völklingen statt. Chefarzt Dr. Traut wurde so mit zu einem Pionier, der ein
Kind im Saarland regelmäßig dialysierte. Er sowie die Oberärztin Frau Dr. Vogelgesang, behandelten mich zu Anfang persönlich. Sie punktierten mich auch. Nicht immer glückte dies und mein Arm war
mehrfach so angeschwollen, dass eine Dialyse erst am Folgetag, möglich war. Es wurde erst unschädlicher, als das Personal punktierte.
So ähnlich sah der Bagger aus!
Meine Eltern versuchten im Vorfeld alles, dass ich mich bei der Punktion kooperativ zeigte. Wäre ich tapfer, so war ihr Versprechen, bekomme ich zu
meinem Geburtstag einen orangenen Bagger mit Schaufel. Auf ihm konnte ich sitzen und selbst fahren. Diesen wünschte ich mir schon lange!
Ich wollte mit der Aussicht darauf wirklich tapfer sein, aber vor den fremden Leuten fürchtete ich mich und weinte. Den Arm zur Punktion hielt ich
aber schluchzend hin. Papa und Mama standen erneut neben meinem Bett und befreiten mich nicht aus dieser Situation. Ich hätte jetzt gerne versteckt unter meinem Bett zu Hause gelegen. Ilka war
die erste Schwester, die mich in Völklingen betreute. Sie war sehr nett!
Der Dialyseraum war so mächtig schwer und farblos. An den Fenstern befanden sich dunkle und lustlose Gardinen. An der Wand hing ein unbemerkbares
Bild. Dies musste jedoch exakt gerade hängen, darauf achtete Dr. Traut bei jeder Visite. Aus dem Fenster sah ich vom Bett nur den Himmel. Hier waren keine Kinder und es gab auch kein
Unterhaltungsprogramm. Das Personal war auf eine Kinderbetreuung weder vorbereitet noch ausgebildet. Auch sie gehören in der regelmäßigen Kinderdialyse zu den Pionieren im Saarland. ***
Fortan zählten Senioren zu meinen Mitpatienten. Statt sich zu unterhalten, schliefen sie nicht nur bei der Behandlung, sondern hin und wieder
verstarben auch welche. Mit der Erfahrung von Reanimationen und dem Tod war ich in der Kinderdialyse nie konfrontiert.
Wurde ich bei der Behandlung lebendig ermahnte mich meine Mutter, ich solle ruhig sein andere wollen
schlafen. So war die Dialyse, wenngleich nur noch 6 Stunden, endlos.
Die Behandlung verlief in Völklingen überhaupt nicht gut. Ich kotzte mir bei jeder Dialyse die Seele aus dem kleinen Zeh heraus. Nur mit dieser
deftigen Rhetorik kann ich die Situation getreu nachzeichnen. Dabei erlitt ich zudem gehäuft einen Kreislaufkollaps. Hierfür erhielt ich häufig Novatral (zur Behandlung eines tiefen Blutdrucks- heute außer Handel) oderGelifundol(Infusion den Blutdruck zu
steigern). Einmal war der Kreislauf so entglitten, dass als mein Vater Hilfe suchte, zum Glück Frau Dr. Vogelgesang und eine Schwester vor der Zimmertür standen. Frau Dr. Vogelgesang packte mich
an den Füßen und stellte mich auf den Kopf, während eine Schwester synchron abhängte. Im Anschluss hatte ich Fieber, Schüttelfrost und keinen Appetit mehr. Ich wollte nur noch ins Bett,
aber auch da ging es mir so schlecht, dass ich alles um mich wie in Traumfrequenzen erlebte. Ebenso hatte ich immer wieder starkes Nasenbluten und Kopfschmerzen.
Für die Übelkeit wurde mir regelmäßig Paspertin (Mittel gegen Übelkeit) gespritzt. Der Pfleger Herr
Mohr, der nicht immer zum Vorteil des Patienten mitdachte, spritzte mir mal so eine Menge, dass ich als Überempfindlichkeitsreaktion eine komplette Muskelverkrampfung erlitt. Ich konnte nicht
mehr reden, schlucken oder mich bewegen. Frau Dr. Vogelgesang spritzte mir ein Gegenmittel. Ebenso erhielt ich, wegen der Blutsäure, direkt in die
Luftfalle der Maschine, Bikarbonat gespritzt. Hierbei kam es oft zu einer Hämolyse (lebensgefährlich hohes Kalium). Ich musste zu diesem Zweck immer
Antikalium, in Patientenkreisen Wüstensand genannt, einnehmen. Hier liegt der Hintergrund, dass ich bis heute mein Kalium regelmäßig an der Dialyse überprüfen lasse und sehr darauf achte. Dies im
Jahre 2020 bei den jungen Ärzten umzusetzen, kostet verbal oft ermüdende Diskussionen.
Um mir einige Vorkommnisse (Reanimationen usw.) zu ersparen, verlegte man mich zu der jungen Patientin Angelika. Angelika hatte ein beachtliches wie
provokantes Benehmen. Mir war da nicht langweilig, denn ich lernte verbal viele gehaltvolle Wörter. Meiner Mutter war hierzu die Fassungslosigkeit oft ins Gesicht gezeichnet. Sie war der
Auffassung ich solle mir nicht alles merken. Leider wurde ich aus dem Zimmer von Angelika wieder verlegt. Nun kam ich zu Frau Ress und Frau Engler.
Frau Ress brachte oft Quartetts zum Spielen mit und wir verstanden uns so gut, dass beide Familien privat viel unternahmen. Alle waren um mich
bemüht, dennoch war es nie so entspannt und unterhaltend wie in Heidelberg.
Zu dieser Zeit lernte ich auch die Pflegekräfte Luise, Albin, Lothar und Alfred kennen. Pflegepersonal, welches mich, wie der damalige junge
Assistenzarzt Dr. Schilz, bis zu ihrer Berentung, begleiten sollten.
Weiteres Personal, an das ich mich bis heute gerne zurückerinnere, sind: Ingrid, Ursel, Karin sowie die
Pfleger Herr Braun, Bernd Mege,Waltraut, Sigfried, Elfi, Rainer, Rita,
Manfred, Elisabeth, Christel, Helga, Ingrid, Karin2, Petra, Albert und Anne.Ebenso an den Techniker Herr Keller sowie den Pfleger Herrn
Bost, der mir ein Zwergkaninchen schenkte. Auch an einen Pförtner, dessen Tochter in einem Verlag arbeitete, die Micky Maus Hefte und Bücher druckten. Er brachte mir oft eine Kiste voll
Ausschussware mit. Das ermunterte mich sehr und so hatte ich Freude am Lesen. Ferner an das ältere Kiosk-Ehepaar, das mir immer etwas Süßes schenkte,
wenn mir Mama da meine geliebte Dose Lift (damals noch Zitronenlimonade) kaufte.
Alle waren an unterschiedlichen Stellen der Klinik um den kleinen Martin, den jeder kannte, bemüht. Jedoch stellte der sich, weil es ihm oft an
Dialyse so schlecht erging, stur. So verweigerte er wiederkehrend die Punktion.
In der Situation, die ich bis zum Extremen trieb, gab es zwei Abläufe. War meine Mutter anwesend, gab sie ihr Einverständnis, mich anhand von
Fixierung durch Festhalten zu punktieren. So rückten die Pfleger Lothar, Albin sowie Alfred an, drückten mich ins Bett, sodass die Schwestern Luise, Karin, Ilka oder Ursel, punktieren konnten.
Hier zeigte ich nicht nur mein Stimmvolumen, sondern auch meine Gelengigkeit wie Muskelkraft, bei der Gegenwehr.
Reiste ich alleine zur Dialyse an, was auch hin und wieder stattfand, machte ich mir, heute kann ich es sagen, auch mal einen Spaß daraus, mich
einfach so zu verweigern. So errichtete ich mich als Mittelpunkt der Station!
Gleichsam, wie zu Hause an Abenden, wo es nicht nach meinem Kopf ging. Schimpfte man mit mir, regte ich mich künstlich so auf, dass ich im Anschluss
so lange über imaginäre Herzprobleme klagte, bis mein Vater seinem eigenen Urteilsvermögen, nicht mehr traute. Er war sicher, dass ich simuliere. Er rief trotzdem Frau Dr. Vogelgesang
zu Hause an und erklärte ihr alles. Sie fuhr darauf hin von zu Hause in die Klinik und erwartete uns. Ich war innerlich stolz wie Oscar, da jetzt
alle das taten, was ich wollte. Das EKG war normal und auf der Rückfahrt schlief ich meist ein. Beim Schreiben bin ich erneut über mich erschrocken. Wie konnte ich als Kind so sein?!
Joachim mein Freund und langer Weggefährte seit der Kinderdialysezeit erklärte mir kürzlich, dass er
immer verwundert war, dass ich meine Eltern so steuern konnte. Wenn er dies versuchte, verspürte er von seinen Eltern, den Schmerz der Bestrafung. Hohe Gewichtszunahmen kamen auch bei ihm vor,
Verweigerung beim Stechen, wurden von den Eltern ebenfalls mit Züchtigung früh unterbunden.
Wenn ich mich widerholt nicht punktieren lassen wollte, redete besonders Dr. Schilz auf meinem Bett
sitzend, geduldig auf mich ein. Manches mal gelang es ihm so, mich zur Punktion zu überreden. Dann gab es noch Dr. Kamprat der immer etwas Zielwasser Indus hatte. Er gab sich aber auch sehr viel Mühe, damit ich mich punktieren lies. War
ich brav, versprach er mir eine kalte Dose Lift, welches ich so gerne trank! Er besuchte mich auch später noch, als er nicht mehr für unsere Station zuständig war, und fragte ob ich mich brav
stechen lies. Dann gab es auch noch Dr. Schmitt, der ein Raubein war. Er fackelte nicht lange. Bei Punktionsverweigerungen rief er meine Mutter an, um sich das Einverständnis, unter Festhalten
punktieren zu dürfen, einzuholen. Den mochte ich gar nicht.
Manchmal verweigerte ich mich so, dass ich mich unters Bett setzte und immer dann laut schrie, wenn mich jemand anfassen wollte. In solchen
Situationen rief man meinen Vater von der Arbeit. Der kam in die Klinik und fackelte nicht lange, nahm mich, der sich schreiend am Bett fest krallte,
heraus, legte mich ins Bett, packte meinen Arm und sagte, zu mir, „ich steche jetzt, egal wohin halte besser still“. Im Bettregte sich der ganze kleine Kerl, nur der Arm lag 1A still. Vor meinem
Vater hatte ich Respekt. Dies Beschrieb ich schon näher in einem Vorhergeneden Kapitel. Die Situation widerholte sich oft!. Später erzählte mein
Vater, dass die Nadeln immer korrekt saßen, überraschte ihn immer wieder. Meine Eltern waren mit meinem speziellen Verhalten emotional sehr belastet.
Nach dem Heidelberg mit Völklingen über meine Dialysetherapie enge Absprachen traf (kleineres Blutsystem für Kinder und kleinerer Filter unter 1
qm), ging es mir ein wenig besser. Die Dialysemaschine DWS war meine zweite Dialysemaschine, an die ich mich erinnern kann. Der Dialysefilter „Condis 4000“ für Erwachsene hatte damals eine
Oberfläche von 1 qm. Heute reichen die Größen der Dialysefilter bis 800 qm.
Ich war wirklich, für alle die mit mir medizinisch in Verbindung standen, ein Problemfall. Die Abläufe waren sehr belastend, wobei ich nie Zeit
bekam, mich psychisch zu verschnaufen. So traten immer neue Belastungen auf, die mich immerzu einforderten.
r. Lothar Barth li. Albin Leidinger 2015
*** Ich stellte an meinen ehemaligen Dialysepfleger Albin Leidinger der mich von 1981 – 2018 mit betreute die Frage: Mich würde die Betrachtung
interessieren, wie ihr es damals empfandet, mich als Kind zu dialysieren?
Albin Leidinger:„Kinderdialyse ist etwas sehr spezielles. Du hast uns sehr leidgetan und wir haben
gehofft, dass du mit deiner Transplantation ein halbwegs normales Leben führen kannst. Wir waren überfordert, weil wir wie die Ärzte, keine Ahnung von Kinderdialyse hatten und so war es eine
anstrengende Sache für beide Seiten. Wir hatten ja auch ein paar größere Jugendliche, denen wir nicht gerecht werden konnten. Wir wussten ja nicht, ob das was wir machen, so auch richtig
ist, genau wie bei den Ärzten, die auch keine Ahnung von Dosierungen bei Kindern hatten. Heute könnte man sich schnell vernetzen. Da fehlte ein Sozialdienst und psychologische Hilfe, und
die Kenntnis mit Kindern umzugehen. Das ist etwas anderes wie Kindererziehung. Das hat uns emotional deutlich mehr zu schaffen gemacht als bei Senioren, obwohl es für jeden Patienten immer
ein Rieseneinschnitt und eine Tortur ist. Damals ging es den Leuten ja wie du weist noch wesentlich schlechter und von den damaligen Jungen ist leider kaum jemand älter geworden. Wir hätten
uns gewünscht, dass Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben in den speziellen Zentren zu dialysieren aber das war entfernungsmäßig nicht möglich.“
Kurz vor Weihnachten1981, rief ich geängstigt meine Mutter, denn unvermittelt kamen aus meinem Harnleiter Heidelbeer große Blutkoagel (geronnenes
Blut). Das schmerzte nicht nur, sondern machte mir Angst. Im gleichen Moment begriff ich, dass ich wiederum nach Heidelberg musste und nun Dinge anstanden, denen ich erneut hilflos ausgeliefert
war. Frau Dr. Wingen meldete uns nach telefonischer Rücksprache, umgehend in der Chirurgie an. Meine Oma Maria musste, in der Zeit wo meine Mutter Koffer packte, auf mich achtgeben, denn bei mir
bestand Fluchtgefahr. In der Klinik wurde eine akute Abstoßung diagnostiziert. Bei der Untersuchung war ich ungehorsam. Von Neuem trat ich den Arzt jähzornig in den Magen. Mein Vater bestand
dafür auf eine Entschuldigung von mir, sonst würde ich nichts vom Christkind erhalten. Was vollbringt ein Kind nicht alles für eine reichhaltige
Bescherung. ;-)
Für den 31.12. wurde der OP-Termin angesetzt. So konnten wir alle noch gewohnt Weihnachten feiern. Ich erhielt viele Geschenke darunter auch eine
Autorennbahn. Mit der spielten Opa Paul und ich viel zusammen. Aus eigenem Antrieb fuhr ich, nach den Feiertagen, nicht mit nach Heidelberg. Da
angekommen begrüßte mich zeitnah mein sogenannter „Doktorfreund“ Prof. Dreikorn. Mit seiner Anwesenheit war meine Ängstlichkeit nur noch halb so groß. An Silvester entnahm er oder Dr. Horch, da bin ich mir heute nicht sicher, die Transplantatniere.
Toddel und ich auf Station nach der Aufnahme
Am Tag der OP sollte ich lange warten, bis ich am frühen Nachmittag abgeholt wurde. Solange spielten meine Eltern mit mir Karten. Bei jedem
Telefonklingeln hatte ich interwallmäßige Angst, dass es losging. Ich erhielt vor der OP auf Station noch eine Beruhigungsspritze. Bis zur OP-Tür begleiteten mich meine Eltern und mein Teddybär
Toddel. Diese Strecken waren für uns immer emotional belastet (zum schreiend Davonlaufen). Ich hatte dabei unendliche Angst und meine Eltern wiederum
waren nicht sicher, ob sie mich lebend wiedersehen. Meine körperliche Verfassung war zu dem Zeitpunkt, sehr labil.
Hinter der Tür erwartete mich und Toddel, das OP-Team. Rückblickend kann ich sagen, das Team ging immer sehr liebevoll mit mir als Kind um. Meist
schaute auch noch Prof. Dreikorn kurz nach mir und sprach mir Mut zu. Vom Narkosearzt wollte ich erfahren, wann ich das Schlafmittel erhalte. Sagte er jetzt, schaute ich zur Uhr. Das
Einschlummern war mit einem Empfinden des Erstickens, sehr unangenehm. Das Gefühl gibt es bei den heutigen Narkosen nicht mehr. Die Operationsdauer empfand ich immer kurz wie ein Augenschlag.
Nur die Uhr zeigte an, wie viel Zeit vergangen war. Die Zeiten merkte ich mir immer genau. Sobald sich meine Augen öffneten, begann ich mich wieder
auf die Beine zu kämpfen.
Gegen Abend war ich wieder ansprechbar. Das große Wachzimmer roch nach Zwiebelkuchen und Glühwein. Beides wollte ich, ebenso wie das Feuerwerk
anschauen. Letzteres durfte ich zusammen mit meinen Eltern aus meinem Bett betrachten.
Zu meinen regelmäßigen Besuchern in der Chirurgie gehörten zu meiner Freude, neben Evelyn Reichwald, auch Frau Auer und Pfarrer Ritschie. Nach 16
Tagen mit 14 Dialysen über 5 Stunden wurde ich wieder nach Völklingen entlassen. Die Dialyse der Chirurgie erlebte nach meiner Erinnerung keine Punktionsverweigerung. Eventuell, da ich hier meist
frisch operiert wurde und starke Schmerzen hatte.
Im April 1982 war meine Erstkommunion. Im Vorfeld wurde die Familie neu eingekleidet. Ich war aufgeregt und freute mich auf dieses Ereignis. Ich
wünschte mir nur eines, nicht erneut in die Klinik zu müssen. Am 18. April war mein Tag und ich war gesundheitlich, Gott sei Dank, stabil. Ich erinnere mich noch heute an die schöne Feier in der
Kirche sowie die, die mir meine Eltern im Anschluss arrangiert hatten. Mein Cousin Bernd backte mir als Konditor, soweit ich mich erinnere, eine Buchtorte. Es gab sehr gutes Essen und die Familie
und alle Freunde waren dabei. Auch Frau Auer, die Seelsorgerin aus Heidelberg war angereist. Am Abend viel ich übermüdet ins Bett.
In Völklingen erhielt ich am Folgetag vom Personal wie den Patienten der Dialyse viele Geschenke.
So um die Jahresmitte musste ich erneut zur Transplantationsvorbereitung ein paar Tage nach Heidelberg. Frau Jungmann und Herr Jakobi von der Chirurgie, betreuten die Abläufe meiner Untersuchungen, wie zur ersten Transplantation. Auch an beide
denke ich gerne zurück. Am Ende der Vorbereitung fand noch ein Gespräch mit Prof. Dreikorn und meinen Eltern statt. Im Verlauf des Gespräches holte er ein Matchbox-Auto aus seinem Regal. Dieses
hatte er mir erneut heimlich nach der OP zum Jahreswechsel entwendet. Ab Februar 1983 wurde ich wieder auf der Warteliste geführt.
Goldene Hochzeit von Oma Maria und Opa Peter
Im Oktober 1982 erlitt meine liebevolle Oma Maria, die im Haus wohnte, einen Herzinfarkt. Leider hat sie den Zweiten in der Klinik nicht überlebt.
Es war der erste Verlust, den ich als Kind in der Familie erlebte. Da Oma immer da war, vermisste ich sie ebenso wie mein Opa Peter, der über 50ig Jahre mit ihr verheiratet war.
Die Dialyse in Völklingen verlief weiter wie beschrieben. Vermehrt verweigerte ich die Dialyse. Immer
wieder musste man mich im Bett zum Stechen fixieren. Immer häufiger musste mein Vater von der Arbeit zur Punktion anrücken.
Ich zeigte immer mehr Auffälligkeiten, die aufzeigten, dass ich unter der Belastung der Dialyse
psychisch immer mehr litt. So entwickelte ich Schlafstörungen, Wut- und Schreianfälle. Zudem überschritt ich im lebensbedrohlichen Maß, die erlaubte
Flüssigkeitszufuhr. Außerdem baute ich nun richtige Punktionsängste mit Komplettverweigerung auf. Ich drohte sogar, mir die Nadeln wieder zu ziehen.
Die Reaktion war für alle neu!
Das alles belastete nicht nur mich, sondern auch meine Eltern ebenso wie das Pflegepersonal und die Ärzte. Keiner war medizinisch auf
Kindernephrologie geschult und wusste nicht psychologisch korrekt mit mir umzugehen. Meine Eltern waren unerträglich belastet und standen vor unlösbaren erzieherischen Aufgaben. Wie soll man sein
Kind, um das man so besorgt ist und so große Verlustängste besitzt, maßregeln …?!
Evelyn Reichwald aus Heidelberg wurde als Kinderpsychologin einbezogen. Ich glaube, sie reiste damals zu Gesprächen mit Frau Weck nach Völklingen.
Man suchte darauf hin einen Kinderpsychologen im Saarland. So waren wir häufig bei Dr. Grenner. Ebenso nahm man mich zur Ferienfreizeit der Kinderklinik nach Bad Wildungen mit.
Gruppe der Ferienfreizeit. Ich mit Hut
Man holte mich so aus meinem Alltag drei Wochen heraus. Ebenfalls sollten meine Eltern wie das Personal der Dialyse zur Ruhe kommen. Nun dialysierte
ich wieder unter gleichgesinnten. Ich fühlte mich unter meinen bekannten Mitpatienten wohl. Dennoch gab es bei der Punktion alt bekannte Probleme. Ebenso trank ich alles, was ich erreichen
konnte. Dabei war ich nach wie vor in den Abläufen der Beschaffung, sehr erfinderisch wie geschickt. Ich organisierte nicht nur für mich, sondern
auch für Mitpatienten. Mein Betreuer war verzweifelt, da er nicht erfasste, wie ich trotz enger Überwachung, in hohen Mengen an Flüssigkeit gelangte. Begleitet wurden wir ärztlich von Dr. Lennert
(2020 leider verstorben), den wir sehr mochten. Auch Evelyn war teils mit Ihren kleinen Kindern bei uns. Heute erinnere ich mich noch ans Grillen, Zelten mit Dr. Lennert auf einer Wiese mit
Kühen, an ein Seefest am Edersee und ein schönes Fest auf dem Klinikgelände zum Abschied.
Meine Eltern kamen mich abholen, meine Mutter nahm mir auf der Rückfahrt das Versprechen ab, dass ich nicht mehr heimlich trinken sollte. Ich hielt
dieses Versprechen genau im Zeitraum vom Frankfurter Flughafen, den wir besichtigten, bis zur meinen Großeltern Elli und Paul ein. :-)
In der Folge der Ferienfreizeit war ich etwas zugänglicher. Es folgten jedoch immer wieder Verweigerungen und hohe Gewichte. Zahlreich musste ich
daher immer wieder stationär in Heidelberg aufgenommen werden.
Am 02. Oktober 1983 klingelte morgens unser Telefon. Mein Vater war zur beruflichen Weiterbildung. Welche Nachricht uns erreichte, erfahren Sie im
nächsten Kapitel.
Ein Anruf
mit Folgen!
Der kleine
Teufel mit Unschuldsmine …
01.10.1983 Bildstock Saar … Samstag ca. 9:30 Uhr. Meine Mutter erledigt die Hausarbeit, während ich auf meinem Kassettenrekorder
mein Lieblingslied, Afrika von Ingrid Peters höre. In dem Augenblick
klingelt das Telefon …! Mama ruft mir zu, „Martin gehe bitte ans Telefon, ich kann gerade nicht.“ >>Ich denke für mich, dass ist sicher Oma.<< Ich hebe ab, melde mich und höre: „Hallo
Martin hier ist Dr. Bonzel (Heute Prof. seit 2008 im Ruhestand) wie geht es Dir?“ Ich antworte stockend … hallo ... gut. Da kam meine Mutter dazu und ich gab ihr den Hörer. >>Ich denke
warum ruft jetzt ein Arzt aus Heidelberg an?<< Mir wird seltsam im Magen, das hat noch nie was Gutes bedeutet!
Ich habe so ein Gefühl als komme da etwas auf mich zu. >>Warum ruft Dr. Bonzel auch sonst an …?! Krank bin ich nicht und
bei der Dialyse in Völklingen war alles Normal. Ich denke ist da etwas, wozu ich nach Heidelberg muss? Dazu habe ich echt keinen Bock. Können sie mich nicht alle einfach in Ruhe lassen! NEIN …
ich will jetzt nicht etwas mitmachen müssen!<< So entschied ich den Rückzug anzutreten, um unauffindbar zu sein. >>Sicher ist sicher dachte ich!<< Die Gedanken liefen wie ein
Blitz in mir ab. Doch als ich das Zimmer verlassen wollte, sagte Mama; „Martin Dr. Bonzel möchte mit dir reden.“ Ich höre noch meine Mutter sagen: „Ja ich kann meinen Mann bei der Fortbildung
erreichen.“
Pro. Dr. Bonzel
Mama übergab mir den Hörer. „Hallo Martin sagt Dr. Bonzel, du hast eben den Hörer zu schnell übergeben, sonst hätte ich Dir die
gute Nachricht sofort mitgeteilt.“ >>Selten hatte ein Arzt eine gute Nachricht für mich!<< „Wir haben eine neue Niere für Dich gefunden!“ In dem Moment stockte ich, denn ich hatte
sofort Angst und Panik. Ich wusste von der ersten Transplantation, was diese Nachricht, für mich bedeutete. Er sprach ganz ruhig mit mir und erklärte, was nun komme. Du hast es ja schon mal
mitgemacht sagte er zu mir, Du bist da ja schon Fachmann. Du musst für die Transplantation operiert werden und bist dann wieder eine Zeit bei uns in Heidelberg. Von jetzt auf gleich war mein
Leben abermals von anderen beeinflusst und ich hatte wiederholt keine Mitsprache zu den Abläufen. „Ich werde Dich in der Kinderklinik erwarten, dann gehen wir in die Chirurgie, da erwartet Dich
Prof. Dreikorn. Hab keine Angst …!“Nein Angst hatte ich wirklich nicht, in mir war Panik!!! Nach einem erneuten Gespräch mit meiner Mutter sagte, die; „Wir kommen wie besprochen!“
Ich glaube ich sagte nichts, ich machte auch keinen Zirkus, weinte und schrie auch nicht vor Angst. In mir herrschte, aus
heutiger Sicht, so eine Art stumme Hilflosigkeit. Innerlich lag ich wieder wehrlos auf dem Rücken, wie ein Hund der sich ergibt. Ich wusste aus der Situation komme ich nun nicht raus. Es war
alles festgelegt.
Meine Mutter legte auf schaute mich wortlos an, nahm mich in den Arm, lächelte und sagte; „nun darfst du bald wieder alles
trinken und essen!“ Ich glaube in dem Moment steckte genau so viel Angst und Hilflosigkeit in ihr, wie in mir. Auch Sie musste nun alles, was kommt, in Sorge mitmachen. Doch als Kind verstand ich
dies in der Art nicht. Sie sagte; gehe in Dein Zimmer und packe Dir ein paar Spielsachen für Heidelberg ein. Ich versuche Papa zu erreichen.“ Er war übers Wochenende im Kardinal-Wendel-Haus im
nahen Homburg zur beruflichen Weiterbildung.
Nunmehr musste alles schnell gehen, denn es Stand eine Transplantation bevor. Der Patient sollte vor dem Organ in der Klinik
sein. Diese Eile war meinen Eltern bewusst.
Mama sprach mit Papa und wir fuhren ihn abholen. 1982 hatten wir einen Opel Kadett
bekommen und meine Mutter machte den Führerschein. Wir waren Stolz auf sie, dass sie es schnell schaffte. Nach dem alle Koffer gepackt waren, buchte Papa noch ein Zimmer bei Café Frisch für die
nächsten Tage.
Gegen 20:00 Uhr fuhren wir, nach dem wir uns von meinen Großeltern Opa Peter, Oma Elli und Opa Paul, die viel Glück wünschten,
verabschiedet hatten, nach Heidelberg. Wenn man vor etwas Respekt, sprich Angst hat, kommen einem 160-km im Zeitempfinden, wie fünf Kilometer vor. Im Uniklinikum angekommen, sprach Dr. Bonzel,
kurz mit uns und wir gingen zur Chirurgie. Mittlerweile war es kurz vor 23:00 Uhr. Mein Herz pochte, mir war Übel und ich hatte Durst. Doch essen und trinken durfte ich schon zu Hause nichts
mehr. Man durchschaute nicht, wann das Organ ankommt und die OP startet.
In der Chirurgie eingetroffen, begrüßte uns der diensthabende Arzt Dr. Ulrich Hauss (heute Urologe in Bad Salzuflen). Prof.
Dreikorn kam später von zu Hause dazu. Nach der Begrüßung sprach er wie mit einem Erwachsenen mit mir. Er erklärte mir genau die Abläufe und sagte, wir zwei schaffen das schon! Ich passe auf Dich
auf. Nun gehst Du mit Dr. Hauss zu den Untersuchungen, wir sehen uns Später wieder. So gingen wir und ich bekam Blut abgenommen, ein EKG,
Lungenfunktionstest wie ein Röntgenbild erstellt.
Inzwischen war alles erledigt. Wir wanderten durch die großen weißen Gänge zurück zur 6-Wach-Station. Alles war still im Haus
und so schallerten unsere Schritte über den Flur. Es war Nacht und überdies Wochenende. Es stand fest, vor der Transplantation musste ich noch einmal dialysiert werden. In der Dialyse, die heute
noch an identischer Stelle liegt, lag eine Frau neben mir, die auch Hoffnung auf die Niere besaß. Sie war gewissermaßen meine Ersetzung, sollte die Transplantation bei mir nicht möglich sein.
Meine Eltern erzählten später, dass die Frau, als sie erfuhr, dass sie die Niere nicht bekommt, mir und ihnen, keine guten Wünsche hinterlassen hat. Ich denke Sie war sehr betrübt, da falsche
Hoffnungen in ihr entstanden sind. Die Dialysebehandlung war damals lange nicht so verträglich wie heute für Patienten.
Nach der Dialyse wurde ich im Bett zurück zur 6-Wach gebracht. Hier hatte
seltsamer weiße wieder Schwester Liselotte (von mir wie schon dargestellt „Leise Lotte“ genannt) Dienst. Sie war auch bei der ersten Transplantation zugegen. Sie bereitete mich für die Operation
vor. Als ich Haube Strümpfe und Flügelhemd anhatte, bekam ich noch eine Spritze zur Beruhigung. Schätzungsweise ca. 5:00 Uhr ging es dann los. Mama, Papa und mein Teddybär Toddel geleiteten mich
bis zum Operationsaal. Der Blick zwischen meinen Eltern und mir enthielt Angst wie Hoffnung. Ich denke die Angst in Eltern um ihr Kind, werden nur die verstehen, die schon öfters sorgenvoll vor
einem OP gesessen haben.
Im Vorraum begrüßten mich der Anästhesist und sein Team. Auch Prof. Dreikorn begrüßte mich verkleidet. Alle machten nun Späße
mit mir, bastelten aus einem aufgeblasenen Handschuh, einen Punker. Unterdessen lies mich der Narkosearzt angstfrei einschlafen. Ich erhielt nun die rechte Niere eines 19-jährigen
Motorradfahrers, der ein Schädel-Hirn-Traumer erlitt. Die Niere wurde am 01.10.1983 im Hospital St. Luc in Brüssel entnommen und hatte eine kalte Ischämiezeit (ohne Funktion zwischen Organspender
und Organempfänger auf Eis),von 28 1/2 Stunden. Die Niere zählte in den Übereinstimmungen als Full House Organ!
Die Operation verlief komplikationslos und ich war wohl kurz nach der OP ansprechbar. Tatsächlich nahm ich das Erste wieder in
den Räumen der Station 6-Wach war. Die Stimme meiner Eltern, die mit der Schwester redeten, führte mich aus der Narkose. Ich öffnete relativ schnell die Augen. Die Uhr zeigte kurz vor 16:00 Uhr.
Ich hatte starke Schmerzen. Prof. Dreikorn erklärte es sei alles gut verlaufen. Dass ich nun Schmerzen hätte, wäre normal. Aber das wisse ich von der ersten Transplantation. Meine Eltern waren
froh, und dankbar, dass ich die erste Hürde geschafft hatte. Da ich die Situation, kannte, war nicht mehr alles so beängstigend wie beim ersten mal. Mein Kampfgeist, wieder schell auf die Beine
zukommen, war sofort in mir vorhanden!
In solchen Situationen saß meine Mutter am Bett und kraulte mir den Arm. Ich roch Ihr Parfüm, das beruhigte mich, auch wenn die
Augen aus Müdigkeit von der Narkose geschlossen waren. Papa stand meist am Fußende nannte mich bei meinem Spitznamen für besondere Situationen und zwickte mich in die Zehe. Seine Art zu sagen, es
wird alles wieder gut. Meine Eltern ließen mich so liebevoll ihre Nähe spüren. Ich hatte Schmerzen und Durst. Doch trinken durfte ich nichts. Ich erhielt nur um den Mund zu befeuchten, die
ekligen Zitronenstäbchen. Meine Eltern saßen noch abends an meinem Bett. Die Schwester bittete sie nun zu gehen, wäre mit mir etwas, würde sie sofort im Hotel anrufen. Meine Eltern hatten kaum
geschlafen oder etwas gegessen. Als sie gingen, beobachtete ich noch etwas, was in dem kleinen Wachzimmer vor sich ging, und muss dabei eingeschlafen sein. Ich verbrachte eine ruhige
Nacht.
Die Niere wollte nicht arbeiten, sie schied nur ein paar Tropfen Urin aus. Die regelmäßigen Nieren-Szintigrafieen zeigten eine
Blasenerscheinungszeit von ca. 25 Minuten (Norm 2 - 4 Min.). Auch Kreatinin und Harnstoff waren ebenfalls so hoch, dass ich weiter täglich zur
Dialyse musste. Ich war enttäuscht, denn die Prozedur kannte ich von meiner ersten Transplantation. Alles wieder so Erleben? Die Gedanken machten mich unzufrieden und tränenreich. Sodass hier
auch wieder Evelyn Reichwald zurate gezogen wurde. Ebenso versuchten mich Fräulein Auer, Herr Pfarrer Ritsche und Prof. Dreikorn aufzumuntern. Ab und an kam auch Prof. Schärer von der
Kinderklinik zur Visite, um sich über den Verlauf bei mir zu informieren und sprach mir Mut zu. Ihn mochte ich gerne. Er versprach, wenn die Niere läuft, dürfte ich in die Kinderklinik
kommen.
Fräulein Auer und Pfarrer Ritsche, wie meine Eltern und Großeltern, brachten mir Gott näher. Ich war schon mit meiner Oma immer
in die Kirche gegangen. Gott faszinierte mich. Man konnte ihm im Stillen so viel erzählen, und wenn man glaubt, spürt man auch, dass er da ist und antwortet. Leute, die nichts mit der Kirche am
Hut haben, mögen an dieser Stelle von mir denken, was sie möchten. Bis heute bin ich im Glauben stark und er trug und trägt mich mit Kraft und liebe durch viele schwere Zeiten. Für mich war und
ist Gott eine große Kraftquelle für mein Leben! So war ich auch in der Klinik immer zur Kapelle zum Beten gegangen.
Mein täglicher Ablauf verlief fast immer gleich. Kurz vor 8:00 Uhr erfolgte die Blutabnahme. Frau Jungmann kümmerte sich an der
großen gemauerten Theke vor meinem Bett um die Blutproben, die ins Labor kamen. Dann hieß es warten, wären die Werte besser, müsste ich nicht zur Dialyse. Doch da die Niere keinen Urin
produzierte, war die Hoffnung eigentlich Utopie. Bei der Visite sagte Prof. Dreikorn zur Trinkmenge immer; Ausfuhr = Einfuhr Plus 500 ml. Übersetzt hieß dies für mich, aktuell durfte ich nur
500 ml am Tag trinken, da ich keine Urinausscheidung hatte.
Ein über den anderen Tag wurde ich von der 6-Wach, über den Aufzug in den Keller gebracht und durch die langen wie teils engen
unterirdischen Gänge zum DKFZ zur Szintigrafie geschoben. Zu Anfang vom Pflegepersonal im Bett, später von Mama im Rollstuhl. In der einen Ecke war es warm. Man hörte Pumpen und Maschinen
dröhnen. Die Wärme roch nach einem schweren trockenem wie staubigem Keller mit etwas Garage. Begleitet vom Gummigeruch frischer Autoreifen und leichten Lösungsmitteln. Die Räder des Rollstuhls
quietschten auf dem grauen Noppenboden. Die Arbeiter im Keller kannten mich schon winkten und fragten immer, wie es mir nun gehe. Auf dem Weg mussten wir durch eine gelbliche durchsichtige
Kunststofftür mit zwei Türflügeln. Links stand mein Getränkeautomat im Treppenhaus, rechts waren die Umkleiden des Pflegepersonals. Weiter ging es durch eine große grüne Feuertür. Dahinter waren
lange Gänge die durch aneinanderreihende Neonröhren, in die Ferne verliefen. Hier zog es heftig und roch nach Parkhaus mit Abgasen. Über den Gang ging es durch eine rote Feuertür. Dahinter war
ein geschlossener breiter wie dunkler Gang. Je weiter man ging je kleiner wurde die Tür, durch die wir gingen. Hier war es nicht nur sehr warm, sondern roch auch unangenehm beißend nach
Tierstreu. Durch Glasscheiben sah man Menschen in Schutzanzügen und Masken. Inmitten des Ganges war links, ein Aufzug, der in den zweiten Stock führte. Aus dem Fahrstuhl raus zwei mal Links
dritte Tür rechts war der Raum, wo die Szintigrafie stattfand. Hier war alles hell und es standen wieder die großen Rechnerschränke mit den Magnetbändern im Raum, die man laufen sah. Man wartete
auf mich, gab mir noch die Jod-Tropfen, die man vor der Untersuchung nehmen musste. Den Geschmack vergisst man auch nicht. Der Arzt den ich, warum
auch immer, Nudel nannte, spritzte mir das radioaktive Mittel für die Untersuchung. War es drin, rief er Schuss und die Uhr fing an zu laufen. Auf dem Rückweg zog mir Mama oder Papa immer eine
Dose Fanta light aus dem erwähnten Getränkeautomaten der auf dem Weg lag.
Die Tage vergingen die Schmerzen wischen, die Drainagen und Katheter wurden gezogen, sodass ich mich immer freier bewegen
konnte.
Neben dem Trinken war auch das Essen ein Problem. Denn das viele Kortison
(Urbason) sowie das neue Medikament Sandimun (Cyclosporin) machten einen unsagbaren Hunger! Ich war mit eines der ersten Kinder in Heidelberg, deutschlandweit die mit
Sandimun behandelt wurden. Meine Eltern erzählten, dass sie hier nach Aufklärung, schriftlich zustimmen mussten. Es gab noch keine aussagekräftigen Erfahrungen bei Kindern mit Sandimun. Auch an
der Stelle kann man mich, wie meine Mitpatienten, als einen kleinen Pionierpatienten ansehen. Ich weiß, man durfte Sandimun nur in Apfelsaft in einem Porzellanbecher auflösen. Wir machten es als
Kinder mal in einem Plastikbecher. Der begann sich darauf hin aufzulösen!
Ich hatte durch die Medikamente kein Sättigungsgefühl und konnte immer Essen. Damit ich nicht zunehmen sollte, setzte man mich
auf Diät! Daran habe ich mich natürlich nicht gehalten. So ist in einem Arztbrief von Prof. Dreikorn zu lesen; „Zu erwähnen wäre noch, daß Martin trotz
Einfuhrbeschränkung unsererseits doch an Gewicht zugenommen hat, so daß vermutet werden muß, daß er öfters kleine Zwischenmalzeiten zu sich nimmt.“ Kleine Zwischenmahlzeiten …?! Der König des
heimlichen Trinkens war auch in der Essensbeschaffung talentiert!
Wenn man die Übergaben Zeiten kannte, war von dem Essenwagen, die nicht, wie heute fertige Portionen enthielten, sondern wie
Büffetwagen da standen, leicht zusätzlich etwas zu organisieren. Der kleine Teufel, mit der Unschuldsmine, heckte immer was aus. Das Essen reichte dann, bis meine Eltern etwas zum Kaffee am
Mittag mitbrachten.
Die Niere lief nicht an und man redete schon davon, dass ich von der Chirurgie wieder zurück nach Völklingen sollte. Ich wie
meine Eltern waren am Boden zerstört. Um mich aufzuheitern, kauften sie mir einen Walkman! Eine Neuheit, womit ich für mich Musik hören konnte. Die Marschmusik, Radezky Marsch, Schlager und die Neue Deutsche Welle hatten es mir angetan.
„Ingrid Peters -
Afrika“, „Nicole – Flieg nicht so hoch“ und „Nena – 99 Luftballons“, fand ich toll. Aber ich hörte auch Märchen wie
„Hui Buh das Schlossgespenst“ oder „Die drei Fragezeichen.“ Ich legte diesen Walkman nicht mehr ab. Er hing
immer an mir. Dieses Gerät kostete damals zwischen 300 DM und 400 DM. Kassetten über 10 DM. Dazu schenkte man mir noch eine Uhr (die habe ich heute noch), damit ich pünktlich an meine Tabletten
dachte. Ich weiß nicht, wie meine Eltern dies immer wieder finanziell umsetzen konnten. Eine Uhr war damals auch nicht für billiges Geld wie heute zu bekommen. Während ich schreibe, spüre ich
erneut die Liebe meiner Eltern, mit der sie mich damals umsorgten. Um mir eine Freude zu machen, verzichteten sie sicher sehr oft auf viele eigene Bedürfnisse!
10 Tage nach der Transplantation begann plötzlich die Niere spärlich zu arbeiten und steigerte die Ausscheidung nach und nach
auf 4,1 l. Jetzt musste ich trinken … trinken ... trinken ... und erhielt zudem Infusionen. Parallel vielen nun Kreatinin, Harnstoff und weitere Blutwerte. Bei der Nieren-Szintigrafie ging
die Blasenerscheinungszeit von 20-25 Minuten auf 7- 8 Minuten (Norm 2-4 Minuten) zurück. Fortan musste ich nicht wieder zur Dialyse, was meine psychische Lage stark verbesserte!
Nun durfte ich in die Kinderklinik, doch zuvor mussten noch die Klammern entfernt werden. Eine für mich bis
heute fürchterliche Tortur! Hier bin ich ein solcher Held, dass mir immer der Kreislauf weggeht und ich eine Stunde benötige, bis ich wieder auf die Beine komme.
Am 21.10.83 wurde ich dann von der Chirurgie in die Kinderklinik verlegt.
Papa reiste ab, da er wieder Arbeiten musste und besuchte uns fortan zum Wochenende. Mit ihm wie mit Oma
telefonierten wir fast täglich von der Telefonzelle im Erdgeschoss der Kinderklinik aus. Hier entstand auch meine Liebe zur Aquaristik. Denn in der Nähe der Telefonzelle stand ein Aquarium, das
mich immer faszinierte. Papa rief mich auch immer wieder von der Arbeit aus auf Station an. Mama wohnte nun wieder bei Schwester Elli im Schwesternwohnheim.
In der Kinderklinik lag mein Zimmer am Ende des Flures zum Schwesternhaus nahe Schwester-/und Arztzimmer. Im
Zimmer lagen bei mir Cosimo und Sawas. Im Nachbarzimmer Angelika Müller. Wir hatten eine lustige Zimmergemeinschaft. Cosimo sollte, sobald sein Blutdruck längere Zeit normal war, entlassen
werden. So hoffte er täglich nach Hause zu können. Jedoch regte er sich gerne und schnell, auf was den Blutdruck hochbrachte. Ich ärgerte ihn immer so, da ich ihn mochte und er bleiben sollte,
bis sein Blutdruck wieder hoch war. Dazu nutzte ich einem bösen Spruch, den ich hier nicht wieder geben möchte. Einmal war schon die Familie da um ihn abzuholen, als es hieß, der Blutdruck ist
erneut zu hoch, er muss bleiben. Ich war mal wieder frech und ärgerte ihn. So war ich kleiner Teufel mit der Unschuldsmiene in letzter Minute für mehrere Tage erfolgreich …!
Angelika Müller (12) und ich (11) befreundeten uns. Sie mochte mich wie auch meine Mutter. Wir unternahmen
viel und waren oft im Zimmer meiner Mutter Kartenspielen. Doch als sie nachts bei mir im Bett schlafen wollte, ging die Freundschaft zu weit. Das wollte ich nicht, im Bett wollte ich meine Ruhe!
>>Wie ich heute wohl urteilen würde … ?!<<
Es erfolgten fortwährend Abstoßungen mit Fieber. So ordneten Dr.Bonzel und Prof. Schärer immer wieder
Urbason-Stöße über vier Tage (400 mg/200mg/200mg/100mg i.v.) an. Zwischenbemerkung: Laut Aussage eines Arztes
werden erwachsene Patienten heute über drei Tage mit 250 mg Urbason max. 500 mg bei akuten Abstoßungen behandelt. Die Therapie erhielt ich vier mal. Damit stieg mein Blutdruck
erneut so, dass ich in der Nacht wieder Hypertonualum (Diazoxid) zur Blutdrucksenkung benötigte. Prof. Mehls passte die Blutdruckmedikation ständig neu an.
Meine Mutter beobachtete nachts oft von Ihrem Zimmer aus, was bei mir los war. Sie war in ständiger Sorge.
Wegen des Sandimun und weiteren starken Medikamenten musste der Magen durchleuchtet werden. Die Untersuchung
erfolgte mehrmals durch eine „Ösophagus-Breischluck Röntgenuntersuchung“. Die Untersuchung zeigte Veränderungen in der Speiseröhre und Magen an. Wenn man bedenkt, was mit dem Plastikbecher
passierte, war dies sicher nicht unnötig. Der Brei war vom Geruch, im Mund wie beim Schlucken einfach nur widerlich! Ich hatte im Verlauf ständig mit Übelkeit zu kämpfen. Damit habe ich heute
noch zu tun. Eine Magen-/und Darmspieglung scheitert immer an den Mitteln, die ich trinken soll. Es geht nicht und daher lehne ich grundsätzlich ab. Die Ärzte verstehen dies nicht.
Langsam wich die Temperatur, mein Kreatinin stabilisierte sich bei 1,0 und mein
Harnstoff bei 28. Die Nierenfunktion lag bei 77 %. Die Blasenerscheinungszeit bei der Nieren-Szintigrafie
bei 4-5 Minuten. Ultraschal und EKG waren auch normal. Prof. Schärer war sehr zufrieden mit meiner Entwicklung. Der Sandimunspiegel pendelte sich bei 400 bis 600 ein.
Ich erhielt am Tag eine Sandimundosis von 250 mg. Zwischenbemerkung: Heute erhält ein durchschnittlicher erwachsener Patient 85 mg Sandimun als Tagesdosis. Dabei liegen die
Sandimunspiegel bei ca. 120. Zur Anfangszeit wurde da noch sehr hoch bei Kindern, wie meine Aktenlage aufzeigt, dosiert.
Am 25.11.1983 wurde ich nach 54 Tagen entlassen. Papa kam, um uns abzuholen. Zu Hause musste
ich mich schonen und wöchentlich nach Heidelberg in die Kinderklinik zur Transplantatkontrolle kommen. Meine Werte stabilisierten sich so gut, dass für mich, nach fast 5 Jahren akutem
Krankheitsverlauf, ein neues Leben begann! Mir standen wieder alle Türen und Kühlschränke offen! Zuhause feierte die ganze Familie, mit Kuchen und gutem Essen ein Fest nach meiner
Heimkehr!
Lesen Sie im nächsten Kapitel, wie sich mein neues Leben gestaltete, die Schule begann ich aber
auch immer mal wieder kurz in Heidelberg landete.
Eine neue Niere ist wie ein neues Leben!
- Neue Zeiten …
Jürgen Markus würde es mir hoffentlich verzeihen, dass ich sein Lied:
„Eine Neue Liebe ist wie ein neues Leben …“ Für die Überschrift etwas
abgeändert habe. Jedoch passt der Songtext zu der damals neuen Situation. So lautet es im Song: „Wie war das noch gestern?“ Ich war an der Dialyse,
verweigerte die Punktion, klammerte mich unterm Bett fest, durfte nichts trinken und musste beim Essen auf alles achtgeben. „Wer war ich noch
gestern?“ Ein kleiner Dialysepatient, denn man nicht aus den Augenlassen konnte und der seiner Familie viel Kummer machte. „Ist das noch dieselbe
Straße, die ich schon seit vielen Jahren geh'?“ Fragte ich mich jetzt oft, da ich nicht mehr müde und außer Atem war, wenn ich sie ging! „Bist du
wirklich keine Fremde, ist es wirklich keine Fantasie?“ Ich konnte es nicht glauben, die Niere veränderte mich wie das Leben meiner Familie.
„Mir erscheint die ganze Welt verrückt, denn ich bin glücklich wie noch nie!“ Ja ich war glücklich wie seit Langem nicht mehr und dies hatte ich einem
Menschen zu verdanken, der sich für Organspende entschieden hatte. So passt das Lied in einzelnen Zeilen wirklich gut zu meiner neuen Lebenssituation.
Am 25.11.1983 wurde ich aus der Kinderklinik entlassen. Zu Hause angekommen wurde ich nach und nach von den Großeltern, meiner
Patentante Lilo, Onkel Alois und meinem Onkel Harald wie Tante Kätchen herzlich begrüßt. Während die Erwachsenen über die zurückliegenden Wochen redeten, verzog ich mich alleine in mein Zimmer.
Als ich mein Zimmer betrat, roch es so fremd wie auch längere Zeit unbenutzt. Da waren alle meine Sachen, aber ich hatte keinen
Bezug dazu. Die Atmosphäre in meinem Zimmer war so entfernt. Ich legte mich auf mein Bett und spürte so eine ungewöhnliche Friedlichkeit im
Unterschied zur Hektik der letzten Wochen. Keiner wollte mich Untersuchen oder Blutabnehmen. Nein es war still! Mein Zimmer verließ ich Anfang
Oktober mit viel Ängstlichkeit und bin nun mit einem neuen Lebensgefühl heimgekehrt. Dialyse-/und Punktionsstress zählten zur Vergangenheit. Es war so ein ungewöhnliches Gefühl, „fast gesund“ zu
sein. In der neuen Lebenssituation war ich noch nicht angekommen. Denn die letzten Jahre waren von akuter lebensbedrohlicher Krankheit und strengen regeln bestimmt. Wenn ich nun Hunger oder Durst hatte, konnte ich vermutlich ungefragt an den Kühlschrank gehen. Ich erfasste diese neue Freiheit noch nicht. Ich stand auf, das
tat an der Nabe noch sehr weh. Mein Bett hatte gegenüber dem im Krankenhaus eine andere Höhe. An meinem Fenster blieb ich stehen und blickte hinaus. Ich sah die Straße, die Häuser, Gärten wie
Autos unserer Nachbarn. Ein gewohntes Bild. Schrittweise erfasste ich, dass ich zu Hause war. Alles war ruhig und friedlich in Bildstock so, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich dachte in
Heidelberg so oft mit innerlichem Heimweh an mein zu Hause. Nun drang das Lachen meiner Familie zu mir. So beschloss ich zu ihnen zu gehen. Der kleine tapfere Familienstar bildete sofort den
Mittelpunkt! Man fragte mich, wie es mir nun gehe, zollte mir Respekt wie Lob, zeigte Interesse daran, wie ich jetzt leben musste. Es waren alle die
da, die mir in meinem Leben wichtig waren. Auf ihre uneingeschränkte Hilfe war immer Verlass. Ein familiäres Sicherheitsnetz für den Notfall. Ich liebte es, all diese Menschen um mich zu haben.
Ich spürte, ich war wieder zu Hause bei meiner Familie!!!
Nach einem gemeinsamen Abendbrot, wo ich normal essen, wie trinken konnte, schauten wir noch den Krimi „Der Alte“. Im Anschluss
nahm ich meine Medikamente und ging zu Bett. Allein in meinem kleinen Zimmer zu schlafen, war so ungewohnt. Alles so still, es war nur ein Waldkauz aus dem Wald zu vernehmen. Ich schlief ein und
wurde nur kurz wach, als Mama in der Nacht den Blutdruck kontrollierte und mir Medikamente verabreichte. Was sehr unangenehm/peinlich war, war, dass ich nun mit 11 Jahren Bettnässer wurde. Dies
lag daran, dass mein Gehirn noch nicht richtig registriert hatte, dass ich wieder Ausscheidung hatte. Das Empfinden einer vollen Blase existierte zuvor fünf Jahre nicht. So wurde der Befehl um
zur Toilette zu gehen nicht immer ausgelöst. Nach kurzer Zeit, da ich mir auch den Wecker stellte, war diese Situation zum Glück vergangen.
Nach ein paar tagen, mussten wir zur ersten Kontrolle nach Heidelberg. Henna fuhr Mama und mich mit dem Taxi. Stets im
Kofferraum, eine fertig gepackte Tasche, sollte ich bleiben müssen. Jedoch arbeitete die Niere zuverlässig.
Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Meine Mutter fertigte den sogenannten Weihnachtsputz und backte Plätzchen. Beim Backen
durfte ich helfen. Mein Vater nahm die Weihnachtskrippe reparierte und säuberte alles.
Ich wünschte mir zu Weihnachten ein Musikgerät für mein Zimmer. In der geheimnisvollen Zeit kamen meine Eltern öfter mit
Taschen, Kisten und Kartons aus der Stadt. Papa nahm mich an einem Tag mit zum „hela Baumarkt“ um Holz zu kaufen. Er lies Bretter auf Maß schneiden. Mit Opa Peter baute er die zu Hause zu einem
Schränkchen zusammen. Laut Auskunft wurde dies ein kleines Schränkchen für Mama um Ihre Bügelutensilien unterzubringen.
Kurz vor Weihnachten, gingen Papa und ich, wie in jedem Jahr, den Weihnachtsbaum, zum nahegelegenen Förster kaufen. Er war
eigentlich kein Förster, sondern, wurde von allen nur so genannt, weil er Wald besaß. War der Baum zu Hause, sah ich ihn erst wieder am Heiligabend.
Am Heiligabend konnte ich nicht in die Kirche zu Pfarrer Fischer wegen der
geschwächten körperlichen Abwehr. So schauten wir in guter Familientradition, die Heilige Nacht aus Rom mit Papst Johannes Paul II. Zuvor gab es aber mein Lieblingsessen. Salat, Rahmschnitzel und
Pommesfrites und Paradies Creme!
Nach dem wir gegessen hatten, folgte nach einigen Weihnachtsliedern, die wir mit Peter Alexander, Renne Kollo, Anneliese
Rotenberger und Heintje sangen, die Bescherung. Da stand auf einmal wieder das Schränkchen, dass Papa und Opa gebaut hatten. Darauf stand eine richtige Stereoanlage. Sie hatte ein doppeltes
Kassettendeck, Radio, Schalplattenspieler und große Boxen. Dann sagten meine Eltern die wäre für mich. Man war ich glücklich und freute mich! Nun musste ich nicht mehr mit dem Kassettenrekorder
vor dem TV sitzen und meine Musik aufnehmen. Nein jetzt ging das aus dem Radio heraus. So hatte ich meine damaligen Lieblingslieder über die Jahre; „Nino de Angelo – Jenseits von Eden“,„Sandra – Maria Magdalena“ und „Gianna Nannini - I maschi“ schnell aufnehmen können. Es war ein so schönes Weihnachtsfest, welches ich erstmals ohne Unterbrechung der Dialyse
genießen konnte. Ich konnte dabei alles Essen, durfte so oft ich wollte aus normal vollen Gläsern trinken. Nicht wie zuvor aus einem Schnapsglas Schluck für Schluck. Einfach frei Weihnachten
feiern. Mamas Plätzchen genießen, mit Papa Nüsse knacken und essen. Es war so unbeschreiblich schön!!! Ich denke noch jedes Jahr in einem stillen Moment an die Weihnachten dieser Zeit mit meiner
Familie zurück. Wie gerne würde ich dies noch einmal erleben!
Ich dachte oft an den Motorradfahrer, dem ich dies alles zu verdanken hatte. Auch meinen Eltern war es im Stillen sehr wichtig.
Jedes Jahr gedachten wir ihm am 01.10. und zündeten für ihn eine Kerze an. Mit dem Tag, wo sein Leben endete, hat für mich ein neues begonnen! Das war auch allen in meiner Familie bewusst. Dieser
unbekannte Mensch wurde ein fester Teil meiner ganzen Familie, dem alle sehr dankbar waren.
Ich stabilisierte mich so, dass ich nach den Sommerferien 1984 wieder zur Schule konnte/durfte/musste. Jedoch war es nicht
möglich, zu meiner regulären Klasse zu kommen. Die Klasse war nun im vierten Schuljahr und mir fehlte der komplette Lehrstoff seit der ersten Klasse.
Daher wurde ich in die zweite Klasse mit drei Jahren Altersunterschied zu den Mitschülern zurückgestuft. Ich wurde in die Klasse 2 b zu Frau Büsch eingegliedert. Bei der Ankunft in der Schule
musste ich mich im Lehrerzimmer melden. Als ich eintrat, begrüßten mich alle Lehrer sehr herzlich und wünschten mir alles Gute. Rektor Marz bat mich
noch ins Rektorzimmer. Er erklärte, wenn etwas ist oder es mir nicht gut ginge, solle ich mich unverzüglich melden. Er oder ein anderer Lehrer würde mich sofort nach Hause bringen. Nun folgte ich
meiner neuen Lehrerin Frau Büsch, zur Klasse. Hier war ich nun der Neue! Mir war schlecht, ich musste mich auf einem anderen Parkett wie dem medizinischen beweisen.
Es machte wieder Spaß zur Schule zu gehen. Nach zwei Monaten war ich für alle in der Klasse angekommen. Ich fand neue Freunde
und führte mit diesen auch jugendliche Positionskämpfe. Ich hatte keine Angst mich auch körperlich zu behaupten. Als mich bei einer solchen Balgerei meine Klassenlehrerin erwischte, zerrte Sie
mich raus, gab mir einen leichten Genickschlag und gab mir Klassenarrest. Sie kannte meine Situation und es war eine Zeit, wo jeder noch emotional mitdachte. Sie hatte Angst mir könnte was
passieren und musste mich schützen. Jetzt lernte ich nun wieder in der Schule, machte Hausaufgaben und durfte sogar am Sportunterricht teilnehmen. Mein Sportlehrer Herr Merl war von der Klinik
informiert, was ich mitmachen konnte.
Überdies wurde ich Messdiener und war so in diesem Bereich mit meinen alten Klassenkameraden, mit denen ich eingeschult wurde,
wieder zusammen. Pastor Ernst Fischer übernahm leider eine neue Gemeinde. So wurde ich Messdiener unter der Leitung von Vikar Matthias Marx in Bildstock. Mit ihm fuhren wir oft nach Frankreich
z.B. zum Odilienberg im Elsas.
Der einzige Punkt, der sich bis heute 2020 nicht in Bildstock verändert hat, ist, der Duft, den man wahrnimmt, wenn man die
Kirche St. Josef durch den Seiteneingang betritt. Er ist von kaltem Weirauch, Kerzenpararffin und Kühle der Dicken Mauern bestimmt. Wenn ich hier eintrete, fühle ich mich Daheim.
1984 bin ich im Angelsportverein
Saufang Bildstock e.V. aufgenommen worden. Ich war nun im gleichen Verein wie Opa Peter und mein Vater, die zu den Gründervätern zählten. In der
Jugendgruppe war ich gut integriert. Zum Eintritt in den Verein, erhielt ich ohne Geburtstag zu haben eine komplette Angelausrüstung! Diese besitze ich heute noch. Ich weiß wiederholt nicht, wie
mir meine Eltern damals ein solches Leben finanzieren konnten!
Wir waren keine vermögende Familie! Wir waren normaler Mittelstand unser Reichtum bestand im Zusammenhalt. Ich bin heute beim
Schreiben so unendlich dankbar, dass mich meine Eltern so umsorgt haben. Bevor sie sich etwas gestatteten, bekam ich etwas. Hierfür sparte meine Mutter besonders im Haushalt ein, wo ich es nicht wahrnahm. Ich wiederum stellte keine Ansprüche bei teuerer Marken Kleidung oder Schuhen. Ich bekam, was mir gefiel, aber das konnte meinetwegen vom
Diskonter, Wochenmarkt oder aus dem Katalog sein. Ich war immer gut gekleidet es fehlte mir an nichts. Gespräche über Markenkleidung andere in meinem
Alter gingen eigentlich interesselos an mir vorüber. Manchmal bekam man aber solche Kleider im Austausch von anderen Kindern, die aus den Sachen rausgewachsen waren. Eltern tauschten früher viel untereinander.
An den Sommer erinnere ich mich gerne zurück! Ich angelte mit Papa, durfte wieder bei Oma und Opa schlafen. Schlief ich bei den
Großeltern, durfte ich am Sonntag, während Oma zu Hause kochte, mit Opa ins Schützenhaus zum Frühschoppen. Da war ich Opas ganzer Stolz und eine Zeit, bis alle ins Alltagsgespräch fanden, der
kleine Star am Tisch! Jemanden der mit einem Spenderorgan lebte, kannte man damals im Ort nicht.
So vergingen die Wochen. Jeden Mittwoch vor dem Unterricht wurde ich vom Taxi zur Landeskinderklinik Kohlhof gebracht, um die
Blutwerte der Niere zu bestimmen. Die Blutabnahme für den Sandimmunspiegel schickte ich per Post nach Heidelberg. Am Mittag telefonierte meine Mutter mit der Klinik und nahm die Werte entgegen.
Heidelberg meldete sich meist am Freitag und gab die Einnahme von Sandimun vor.
Alle vier bis sechs Wochen mussten wir nach Heidelberg zur Kontrolle. Nicht populär waren die großen Termine. Dann mussten wir
von der Kinderklinik zur Chirurgie in die Transplantationsambulanz. Da schauten sich die Ärzte alles an. Dann wurde ich zum Ultraschall, Szintigrafie, Röntgen, EKG usw. geschickt. Am Ende
erfolgte ein Abschlussgespräch, von da ging es wiederum zum Gespräch in die Kinderklinik. Wie heute herrschten an allen Punkten, lange Wartezeiten. So waren wir an solchen Tagen meist, erst gegen
17:00 Uhr wieder zu Hause. Was mir an den Terminen gefiel, war, wir haben da immer in der Mensa des DKFZ gegessen. Schnitzel mit in der Soße versunkenen Pommes. Die gab es vom Geschmack nur da
so.
Nun fuhr ich auch öfter alleine mit Henna oder Gabi zu den Terminen nach Heidelberg. Ich wurde ein Stück selbstständiger. Immer
dabei die Krankenhaustasche. Nach dem Schulbeginn, Unternehmungen und Toben mit den Freunden in der Natur, wurde ich in Heidelberg auffällig. Die Nierenwerte waren unerwartet schlechter als
bekannt. So wurde ich öfter zur Beobachtung zwei bis drei Tage auf H6 aufgenommen. Nun war ich alleine, meine Eltern blieben zu Hause. Ich lernte so meine Krankheit, wie mich, ein Stück
eigenständiger zu managen. Ohne Zutun der Ärzte war in Kürze alles wie bekannt. Beim diesen Aufenthalten, wurde auch mal ein großer Check-up erstellt. Da war ich dann eine Woche vor Ort. Mama kam
mich dann per Zug besuchen. Sie fuhr morgens nach Heidelberg und abends zurück nach Saarbrücken. Ein ansträngender Tag für sie. In der Klinik lernte ich mit Isolde Krone für die Schule. Bei der
neuen Kindergärtnerin Frau Domke lernte ich das Korbflechten sowie Holzbrennen. Visitiert wurde ich von Evelyn Reichwald, wie ihre Kollegin Frau Weck sowie Prof. Mehls und Schärer. Die Tage auf
Station waren trotz allem lang. Man war für jede Abwechslung dankbar. Man freute sich, wenn man Schwestern zu anderen Kliniken oder Laboren begleiten durfte. So kam man mal raus.
Irgendwann erkannte ich das Problem eigenständig und musste so nur noch selten in Heidelberg verweilen. Mein Spielen und Toben
bewirkte, dass meine Nierenwerte durch die Muskelaktivität angestiegen sind. Bei Muskelanstrengung steigt das Kreatinin. Fortan hielt ich mich zwei Tage vor dem Termin ruhig, trank viel und dann
war alles in Ordnung. Hätte ich den Ärzten von meinen Aktivitäten erzählt, wäre ich nie aufgenommen worden.
Was nach der Transplantation sehr unangenehm war, waren die starken Übelkeiten mit heftigen Magenkrämpfen sowie Übergeben
ausgelöst vom Sandimun. Es waren so viele Nächte, die ich damit durchstehen musste. Es begann mit einem Aufstoßen nach moderigen Eiern. Nach so einer
Nacht war ich tags darauf so schwach auf den Beinen, dass ich nur geschlafen habe. Dieses Problem ist seit dieser Zeit nie vollends vergangen. Der Magen stellt ein großer Schwachpunkt bei mir
da.
Schmerzhafte Nebenwirkungen des Sandimun waren auch extreme Zahnfleischwucherungen mit impulsiven Zahnfleischentzündungen. Hier
konnte ich teils über Tage nur mit Mühe Suppe und Pudding essen. Ich war ständig Laufkunde beim Zahnarzt. Auch die Probleme haben sich von jener Zeit bis heute fortgesetzt. Ebenso war ein starker
Haarwuchs, am ganzen Körper, Folge der neuen Immunsuppression. Mein Vater verglich mich immer mit einem Affen.
Mein Blutdruck war immer am oberen Limit teils bis 170/130 aber mit vielen Blutdruckmedikamenten konnte Prof. Mehls ihn so
einstellen, dass dieser zu 95 %, bei 120/80 lag.
In den Osterferien 1985 war der erste Familienurlaub in Bad Rippoldsau-Schapbach (Schwarzwald) geplant. Im Verlauf des Urlaubes
machten wir einen Ausflug zu unseren Nachbarn Albert und Elfriede Guckeisen. Sie waren ebenfalls im Bärental in Nähe des Feldberges zum Urlaub. Es war ein schöner aber auch anstrengender Tag. Auf
dem Heimweg war ich so müde, dass ich zu meinen Eltern sagte, ich lege mich flach und schlafe, bis wir zurück in unserer Pension sind. Ich lag gerade etwas, als es einen fürchterlichen Ruck und
Krach gab. Die Autositze meiner Eltern brachen nach hinten weg und standen knapp über mir. Wir hatten einen Autounfall. An einer roten Ampel, die 10 Minuten später automatisch abschaltete, ist
uns jemand ungebremst aufgefahren. Zum Glück habe ich gelegen, so blieb ich unverletzt. Meine Mutter wie Vater waren leicht verletzt und mussten ins nahe Krankenhaus zur Untersuchung. Im
Autoradio lief seltsamerweise in dem Moment nach dem Unfall, „Hurra wir leben noch von Milva. Ich will nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn ich gesessen hätte. Ich hatte wie so oft
in meinem Leben, gute Schutzengel an meiner Seite.
Da wir kein Auto mehr hatten, kam uns mein Onkel Harald auf Ostermontag in seinen Golf I im Schwarzwald, bei herrlichem heißem
Sommerwetter, abholen. Er war sehr oft der Retter in der Not. Meine Mutter wünschte sich lange zu Ostern einen großen Schokoladen Hasen. Papa und ich kauften ihr im Ortscafé vor dem Unfall, einen
ca. 60 cm großen Osterhasen (Handarbeit). Mama freute sich trotz überstandenem Unfall riesig und passte gut drauf auf. Mein Onkel musste ihn für die Rückfahrt vorsichtig in der Schachtel
hinter den Fahrersitz stellen. Als wir wieder zu Hause waren, hörten wir plötzlich einen lauten Aufschrei meiner Mutter. Als wir zu ihr eilten, zeigte sie uns den Hasen. Der war durch die Hitze
im Auto zu einem großen Klumpen Schokolade verlaufen. Wir mussten dann alle sehr lachen.
Die Kirmes unseres Ortes am 07.07.1985 feierten wir mit den Großeltern im Garten. Papa machte zum Abendessen über Holzkohle
einen Spießbraten. Dabei verfolgten wir alle gespannt auf einem kleinen Fernseher, wie Boris Becker erstmalig Wimbledon gewann.
Ebenso erinnere ich mich immer gerne an die leckeren Samstage, wo Papa abends Schwenkbraten (im Saarland (Schwenkbroode),
grillte und Mama Zwiebel dazu machte. Ich konnte das jetzt nicht nur alles Essen, sondern auch Malzbier oder Waldmeisterlimonade dazu trinken.
Im Herbst hörte ich, dass die Katze einer Bekannten meiner Mutter Katzenbabys bekommen würde. Ich wollte nun eine Katze. Meine
Eltern erklärten mir, dass ich diese wegen meiner Erkrankung nicht haben dürfte. Ausnahmsweise führte ich keine langen Betteldiskussionen. Meine Eltern dachten so, sie hätten das Thema Katze
gekonnt umgangen. Jedoch fragte ich, unverhofft für meine Mutter, beim nächsten Ambulanztermin in Heidelberg Dr. Bonzel, warum ich keine Katze haben dürfte? Er sagte von seiner Seite bestünde da
keine Einwände. So bekam ich meine Katze Timi. Dr. Bonzel ist mir nicht nur damit bis heute in guter Erinnerung!
Den Jahreswechsel 1985/86 verbrachten wir mit Albert und Elfriede Guckeisen in deren Domizil dem Gasthof Bären in der Nähe des Feldberges. Da war Winter, wie ich ihn bis heute nicht mehr erlebt habe. Wir hatten dort ein einfach nur schönes wie
entspanntes Silvester gefeiert. Diese Silvesterfeier sowie der Urlaub im Schnee bezeichne ich heute noch, als eine der schönsten Zeit, meines Lebens! Wir waren da eine rundum gesunde wie
glückliche Familie.
Mein Geburtstag feierte ich traditionell im März. Hierzu lud ich meine Freunde aus der Schule ein. Zu meinem Geburtstag schenkte
man mir diesmal ein Aquarium. Fortan hatten Papa und ich neben dem Angeln auch das Hobby der Aquaristik. Wir putzten zusammen, schauten, wo wir Fische bekommen, kauften Bücher zur Bepflanzung und
Fischzucht. Hatten wir Nachwuchs, beobachteten wir immer sehr sorgsam das Aquarium. Der größte Fan war Opa Paul, der saß bei Besuchen oft länger vorm Aquarium und beobachtete alles.
In den jährlichen Ferien kam mein Freund Torsten aus Göttingen immer zu seinen Großeltern in der Nachbarschaft. Wir waren dann
fast den ganzen Tag zusammen. Er angelte auch gern. So sind wir mit meinem Vater wie mit seinem Opa oft angeln. Aber wir waren auch eine kleine Bande zusammen mit Silke (†) und Dirk. Wir machten viel Blödsinn und richteten auch eine Art Clubhaus im Pferdestall von Dirks Opa ein. Wir bauten aber auch ein Waldhäuschen. Spielten mit Autos und saßen im
Sommer Abends abwechselnd auf Haustreppen, tranken Limonade aßen Chips und redeten. Eine schöne und glückliche Zeit, die einen festen Platz in meiner Erinnerung besitzt.
Dann begann die Schule wieder, wir erhielten einen neuen Lehrer Herr Seegmüller. Er übernahm die Klasse, da unsere Lehrerin
erkrankte. Er war auch ein so herzensguter Lehrer und stets an meiner Seite. Er kümmerte sich sehr um die schulischen Schwächen, die durch meine Krankheit entstanden sind. Was zusammen mit meinem
Vater sehr gut gelungen ist.
Weil meine Freundin Silke (†)in die „AG Schulchor“ ging,
meldete auch ich mich dabei an. Bei meinem Vorsingen, machte meine Lehrerin Frau Lösch glaube ich unbewusst und irritiert, etwas ruckartig ein paar Schritte zurück. Meinen Willen zu singen erkannte sie wohl. Trotz allem fragte sie, ob ich den nicht eventuell auch Interesse an der „AG Werken“ hätte? Zwar hatte ich die, aber
ich wollte bei Silke bleiben. Frau Lösch blickte etwas ratlos, bis sie sagte, ich dürfe bleiben. Warum auch immer sollte ich am äußersten Rand des Chors stehen. Auf Anweisung durfte ich in der
Lautstärke nur sehr zurückhaltend singen. Für meinen unvergleichlichen Willen bekam ich immer die Note zwei in Musik. Ich war jährlich im Schulchor dabei! Im Erwachsenenalter zeigte, trotz
zahlreicher Versuche, kein Chor mehr Interesse an meinem Mitwirken. Was „ich“ sehr bedauerte!
Im Oktober 86 bekam ich Probleme mit dem Knie. Es wurde eine Schleimbeutelentzündung diagnostiziert. Nichts Erschütterndes.
Wegen der Transplantatniere wollte man auf eine Operation mit Narkose jedoch verzichten. Die Suche nach einem Chirurgen, der die OP in örtlicher Betäubung durchführte, gestaltete sich schwierig.
In der Kinderorthopädie in Schlierbach, in der Nähe von Heidelberg, wurde man fündig. Für den 11.11.1986 wurde die Operation angesetzt. Am 10.11. sind wir angereist, ich wurde untersucht und bin
dann mit meinen Eltern ins Café Frisch gefahren, wo ich die Nacht verbrachte. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich hatte aus Angst Magen und Darmprobleme. Es machte mir Angst, da ich in
einer Klinik operiert werden sollte, wo alles fremd war. Zudem wurde ich erstmals nach der Shuntoperation, wieder bei vollem Bewusstsein operiert.
Am Dienstag den, 11.11. wurde ich schon morgens um 8:00 Uhr von Prof. H. Cotta (†) operiert. Bis zum Op
begleiteten mich wie immer meine Eltern und mein Teddybär Toddel. Im OP hat mir Prof. Cotta alles genau erklärt. So, dass ich spüre, dass er am Bein arbeite, aber ich würde wirklich keine
Schmerzen verspüren. Er war sehr nett zu mir.
Während der Operation saß der Narkosearzt bei mir und redete über alles Mögliche um mich abzulenken.
Doch das schaffte ich selbst auch. Denn in diesem OP standen Schränke, da lagen Werkzeuge (Sägen, Bohrer, eine Art Trennscheibe) drin. Werkzeuge, wie ich sie von Opa aus der Schlosserei kannte.
Das konnte ich in dem Alter nicht zuordnen. Ich fand es jedoch faszinierend das die Geräte im Gegensatz zu den von Opa so sauber waren. So um 10:00
Uhr war ich wieder auf dem Zimmer. Es war ein Großraumzimmer mit 10 Betten und lauter Kindern. Meine Eltern kamen noch zu mir, brachten etwas zum Lesen. Am Nachmittag kamen Sie erneut. Am 13.11.
wurde ich nach Hause entlassen. 14. Tage später wurden die Fäden gezogen. An Weihnachten war alles vergessen.
Kurz vor Weihnachten verfolgten mein Vater und ich in unserer Stammkneipe „Feuchtes Eck“, ein
Fußballspiel. Hier machte ich mir den Spaß so viele Malzbiere zu trinken, wie mein Vater Bier. Da ich dank der Niere keine Einschränkungen hatte, konnte ich dies einfach mal so tun!
Zu Weihnachten erhielt ich dieses mal, die Atari Spielkonsole und von allen Verwandten, Spiele oder
Geld, um Spiele kaufen zu können. Ein Spiel konnte bis 70,00 DM kosten die Konsole selbst kostete über 300 DM. Hinzu bekam ich auch noch einen tragbaren Farbfernseher . Wieder eine finanzielle
Großleistung meiner Eltern.
Den Jahreswechsel 86/87 feierten wir erneut mit Elfriede und Albert allerdings bei Ihnen zu Hause in
der Nachbarschaft. Albert war auch der Vorsitzende unseres Angelvereins. Er hatte den Verein mit Opa, Papa und weiteren Leuten gegründet. Ich mochte beide sehr gerne! Sobald an dem Abend eine
Flasche Sekt geöffnet wurde, rieb man mir mit dem Korken hinterm Ohr und sagte, dies bringt mir im neuen Jahr Glück!
Jedoch war mir dies in 1987 gleich zwei mal nur teilweise beschieden. Gesundheitlich wie privat wurde
ich mit harten Tatsachen konfrontiert.
"Ich reise und komme niemals wieder ..."
Am Neckar
sitzen und Pizza essen!
Im Januar 1987 beobachteten wir bei der täglichen Blutdruckkontrolle beharrlich höhere Blutdruckwerte bis 200. Die Gegebenheit trug dazu bei, dass meine Leistungsfähigkeit nachließ. Gerade in der
Schule zeigten die Konzentrationsstörungen mächtige Auswirkungen. Nun musste ich zahlreich nach Heidelberg zur Einstellung meines Blutdrucks.
Reiste ich an, hatte ich immer TV und Spielkonsole im Reisegepäck. Damit war ich bei allen Mitpatienten, wie Nachtschicht, ein Anziehungspunkt im
langweiligen Klinikalltag. Als ich entlassen wurde, erklärte mir Prof. Mehls, sollte sich mein Blutdruck nicht stabilisieren, müsste ich mich zeitnah stationär auf intensivere Untersuchungen
einrichten.
Anmerkung:Bei diesen vielen einzelnen Aufenthalten waren meine Mitpatienten und ich fast jedes Wochenende am Ultraschall im Einsatz. Hier wurden von Firmen mit
Weiterentwicklungen experimentiert. Ich kann mit Bestimmtheit sagen, zur Entwicklung der heutigen Medizintechnik, haben wir nicht nur beim
Ultraschall, zahlreiche Daten geliefert.
Wieder zu Hause, stand im Mai 1987 die Vermählung meines Cousin Helmut an. Zu dieser Feierlichkeit legte ich letztmalig das Ministrantengewand an. Ich erinnere mich gut, dass ich sehr aufgewühlt
war. Wegen der Blutdruckmedikamente und ihren Nebenwirkungen hatte ich an dem Tag körperlich schwer zu kämpfen. Im Lokal war ich sehr gedankenversunken und dachte, weshalb auch immer, ausgeprägt
über meine Erlebnisse mit der Familie nach.
Helmut und ich
So erinnerte ich mich an meinem Cousin Helmut, zu dem ich schon als Kind immer einen guten Kontakt hatte. Er spielte öfter mit mir und beaufsichtigte mich. Er fing mich auch einmal ein, als ich
von zu Hause weglief. Er erblickte damals mit ca. 5 Jahren ganz alleine zu seiner Verwunderung am Saufangweiher. Später als er zur Bundeswehr ging und Fußball spielte, verminderte sich der Kontakt. Begegnungen sind jedoch bis heute von Herzlichkeit geprägt. Er ist mit ein
Familienmitglied vor dem ich immer großen Respekt hatte. Alles, was er erreicht hat, hat er sich selbst aufgebaut. Wie seine Eltern und Geschwister. Seine Eltern bauten Ihr kleines Häuschen zu
einem Ort der Glückseligkeit, der für Familie und Freunde jederzeit ein Treffpunkt der Warmherzigkeit bildete, aus.
Andrea und ich
Neben meinen Cousin Bernd der älteste, der als Konditormeister, Torten zu Kunstwerken zauberte, gab es in dem Haushalt noch meine Lieblingscousine Andrea. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam,
worauf ich schon innig wartete, ging sie mit mir zu den Ponys, in die nah gelegene Spielstraße oder spielte mit mir im Wohnzimmer. Das Treiben begleitete der ältere Zwergschnauzermischling Trixi.
Ich mochte sie so gerne, dass ich sie immer heiraten wollte. Als sie Ihren Mann Norbert kennenlernte, brachte ich ihm nur wenig Sympathie entgegen. Andrea erwartete zum August 1987 ihr drittes
Kind. Der Babybauch war auf der Hochzeit schon deutlich zu sehen. Sie und Ihre Familie kümmern sich bis heute (Jahr2020) wie selbstverständlich, wenn ich Hilfe benötige um mich. Dafür bin ich von
Herzen sehr dankbar!
Meine Patentante Lilo und mein Onkel Alois
Ich liebte es von Kindheit an bei Ihrer Mutter, meiner Patentante Lilo zu sein. In ihrem schönen Garten wie in der Kellerbar saßen wir so oft bei Familienfesten. Dabei wurden mit Gitarre und Mandoline, schöne alte Volkslieder gesungen. Höhepunkt war oft bei dem Lied „Hohe Tannen“, dass mein Onkel Alois aus einer dunklen Ecke als
Rübezahl (Waldgeist) erschien und dann Ermahnente Gedichte vortrug. Er kannte als Heimatdichter unzählige Geschichten wie Anekdoten. Solche
Erlebnisse waren für mich in dem Haushalt immer wie kleine Urlaube, die mich meine Strapazen der Krankheit vergessen ließen. Mit diesen Erinnerungen war ich gedanklich fern, vom Eigentlichen
geschehen. Essen und Musik führten mich wieder zurück in die Gegenwart.
Ich mit dem Nachwuchs
Zur Mitte des Jahres verschärfte sich mein Bluthochdruck so, dass ich nach Heidelberg zu intensiveren Untersuchungen musste. Dieses mal begleitete mich meine Mutter. Papa besuchte uns wie immer
zum Wochenende. Bei allem was Anstand war ein Elternteil erforderlich. Zu meiner Frustration, war auf H6 kein Platz, so musste ich auf die Kardiologie H4. Hier wurde ich wie gewohnt von meinen
Ärzten betreut. Neu war nun Frau Dr. Wingen, die von Dr. Bonzel alles übernommen hatte. Der hatte an einer anderen Klinik eine Professur erhalten. In dieser Zeit, Anfang August, erreichte uns die
freudige Nachricht in Heidelberg, von der Geburt des Kindes meiner Cousine Andrea.
Auf H4 lernte ich Anke kennen. Anke hatte mit 17 Jahren eine sehr schwere Herzkrankheit. Sie konnte daher nur wenige Schritte gehen, war immer überwässert und litt unter starker Luftnot.
Herzerkrankungen waren mir in der Auswirkung fremd. Vom ersten Augenblick verband uns eine besondere Zuneigung. Auch zu meiner Mutter bildete sie ein herzliches Verhältnis. Unser Kontakt wurde
immer enger und so ertrugen wir viele intensive Entwicklungen unserer Erkrankung nun gemeinsam.
Unzählige Horror Nächte, wie sie sie betitelte, waren bei ihr von starker Atemnot geprägt. In solchen Nächten kämpfte sie gemeinschaftlich mit den
Ärzten um mehr Luft. Zeitgleich stand Frau Dr. Wingen an meinem Bett, um mir wegen meines hohen Blutdrucks, Hypertonalom zu verabreichen. Nach solchen Nächten durften wir morgens immer als
Letztes zu den Untersuchungen. So konnten wir etwas länger schlafen. Wir wurden nach und nach ein Dream-Team, dass zu allen ein humorvolles Verhältnis hatte. Unvergessen sind die Fotoshootings und Schnappschüsse mit Patienten wie
Personal.
Unser Verhältnis entwickelte sich langsam zu etwas ganz besonderem. Es entwickelte sich so, dass ich plötzlich Verantwortung spürte, die ich so nicht
kannte. War sie nicht da, spuckte sie in meinem Kopf. Als wir mal hinter verschlossener Tür rumalberten und fast in engen Körperkontakt kamen,
klopfte es an der Tür und Frau Dr. Wingen kam ins Zimmer. Ich vermute sie erkannte, was sich am Anbahnen war. Sie verwies darauf Anke mit ernstem Ton aus meinem Zimmer. Die rollte mit einem
Lachen davon und ich war aufgebracht über meine Ärztin.
Immer wieder erlebte ich Ankes starke Herzprobleme mit Atemnot. Ich setzte mich dann zu ihr ans Bett, hielt ihre Hand, wodurch sie sich beruhigte. So verbesserte sich auch Ihre Atmung. Sie
vertrug ihre Medikamente in der Nacht nur, wenn sie ganz langsam gespritzt wurden. Perfusoren flächendeckend am Bett, gab es hier noch
nicht. Alles wurde von Hand verabreicht. Da ich immer verfügbar war und sie zu mir Großes vertrauen besaß, sollte „ich“ die Medikamente per Hand verabreichen. Nach langer Diskussion und
Berücksichtigung meiner Dialysekenntnissen erhielt ich eine ärztliche Einweisung. Ich schwitzte bei der Verabreichung, unter den Augen der Schwestern, Wasser und Blut. Anke vertraute mir jedoch
sehr!
Da sich ihre Situation verschlechterte, schlugen ihre Ärzte eine Operation am offenen Herzen vor. Die Erfolgsaussicht war, besser atmen zu können und so möglicherweise ein paar Schritte mehr
gehen zu können. Die Überlebenschance des Eingriffes lag bei ca. 30 %. Heute (2020) wäre dieser Eingriff minimalinvasiv zu 80 %
erfolgreich. Sie rang sehr mit ihrer Entscheidung. Wir redeten viel und intensiv darüber. Es waren für mein Alter, rückblickend sehr ernste Gespräche. Ich hatte schon damals die Gabe, neben einer
gewissen Ernsthaftigkeit auch Humor zu besitzen. Der schaffte es, auch mal etwas von der ernstlichen Lage abzulenken. So bekamen wir unseren Kopf
wieder klarer. Sie genoss es, wenn ich sie zum Lachen brachte. Oft musste ich mich zügeln, da ihre Luft beim Lachen knapp wurde. Wir Lachten oft, obwohl wir lieber vor Hilflosigkeit
geweint/geschrien hätten.
Bei mir wurde um die Nierenfunktion zu erkunden eine Angiografie durchgeführt. Den Weg zu dieser Untersuchung kannte ich und trat ihn alleine mit meiner/unserer Lieblingsschwester Antje an. Sie
trug zufällig den gleichen Namen wie die von Beginn meiner Dialysezeit. Wenige Jahre zuvor musste mich mein Vater hier noch einfangen. Nun machte ich die Untersuchung freiwillig. Anke drückte mir fest die Daumen. Auch sie hatte einige Untersuchungen in der Zwischenzeit.
Im Untersuchungsraum erklärte man mir ruhig den Ablauf. Nun gab man mir in die Leiste eine örtliche Betäubung, setzte den Katheter und spritzte mir das Kontrastmittel. Dabei wurde mir, kurz sehr heiß. Das war unangenehm. Im Anschluss wurde der Stich in der Leiste fest abgedrückt und
verbunden.
Zurück auf Station war Anke direkt bei mir. Nach meinen Schilderungen erzählte sie mir von ihren Untersuchungen. Durch die Ausführungen der gemeinsamen Erfahrungen hatten wir nie das Gefühl der
Einsamkeit. Meine Mutter wurde hier unbeabsichtigt zu einer Nebensache. Die kam auch oft nur kurz vorbei. Wir brauchten sie, damit wir mal aus der Klinik kamen.
Nach der Angiografie, entwickelte ich schmerzen in der Leiste. Eine Untersuchung ergab, dass bei der Angiografie die Vene und Arterie so verletzt wurde, dass sich ein Shunt gebildet hatte. Der
musste operativ verschlossen werden. Weitere Ergebnisse sagten, dass meine Nieren entfernt werden mussten. Nun standen wir beide vor einer großen Operation. Aber zusammen waren unsere Ängste
akzeptabler!
Oft schlichen wir uns am Abend ins Erdgeschoss zur Telefonzelle und bestellten uns Pizza. Die durfte sie noch ich wegen des Salzes nicht essen. Aber es gab nette Schwestern, die davon absichtlich
nichts mitbekamen. Wir aßen in unserem Zimmer am von Anke schön gedeckten Tisch. Das Pizzaessen nahmen wir ganz fest nach unserer OP, in Heidelberg, mit Blick auf Schloss und Neckar vor. Wir
wollten mal ohne Aufsicht zusammen sein. Das war unser gemeinsames Ziel und Vorhaben!
Nach ein paar Tagen des Nachdenkens entschied sie sich für ihre Operation. Meine Abläufe in der Vorbereitung zu meinem Eingriff waren wie zur Transplantation. Bei ihr folgten viele Arztgespräche und eine lange Vorbereitung. Dazu gehörte, das Atmen mit einem Intubationsrohr zu erlernen. Jeden Tag übte Sie und kämpfte für den Erfolg ihrer Operation. Obgleich Sie genau wusste, sie kann zu 70 % ihren Tod bedeuten. Wir waren nun
in einer Phase, wo wir unbändige Angst hatten. Hierüber sprachen wir ständig. Bei allen Gesprächen begleitete uns das Lied von Udo Lindenberg „Hinterm Horizont geht’s weiter.“ Es war uns bewusst, einer von uns könnte nach der
Operation fehlen. In dem Lied trauerte Udo um seine damals verstorbene Freundin. Wir lenkten uns nun mit gemeinsamen Spatziergängen im Heidelberger Zoo und im botanischen Garten (beides in
unmittelbarer Nähe der Klinik) von diesen Gedanken ab. Bei diesen Touren, begleitete uns meine Mutter. Sie mochte meine Mutter. Die stand wiederum
bei solchen Ausflügen, wenn wir beide verbotener weiße, Pommes mit Salz und Ketchup aßen, unter hohem Stress, denn Ärzte, die uns kannten, waren
überall unterwegs. Obwohl wir in einer schweren Situation steckten, hatten wir gemeinsam doch viel Spaß. Wir schmiedeten sogar Zukunftspläne. Dazu
gehörte neben dem Pizzaessen, uns auch gegenseitig zu besuchen. Mein Vater besorgte dazu extra um uns Mut zu machen, ein Klappbett bei uns zu Hause. Anke war willkommen und unsere Verbindung so
akzeptiert.
Nach meinen Voruntersuchungen und einer Abstoßungsbehandlung mit hoch dosiertem Kortison wurde ich bis zu meinem OP-Termin leider entlassen. Wie
gerne wären wir zusammengeblieben.
Ihr Op-Termin wurde für den 15.10.1987 terminiert. In einem Briefwechsel erzählt Sie von Ablenkungsbesuchen von unseren ehemaligen Mitpatientinen/Schwestern und Pizzaessen auf Station. Aber sie
schrieb auch, dass ihr nichts so sehr fehlte wie ich ... Sie war so ängstlich, dass sie schrieb: "Ich bin so zittrig, ich habe wirklich furchtbare Angst!" Leider gab es zu dieser Zeit keine
Smartphones, mit denen man über WhatsApp sowie Skype hätte, Kontakt halten können. Wir hatten damals nur einmal täglich Gelegenheit zu telefonieren. Was gefühlt viel zu wenig war. Ich schickte
Ihr einen Hund mit Namen Charlie als Ersatz für mich. Drückte man ihn, sagte er: "Ich hab Dich lieb ..." Heute klingt das ziemlich kitschig. Ebenso schickte ich ihr eine Kassette, worauf unser
besonderes Lied war. Sie schickte mir ein kleines Männchen auf einem Mond, der mir süße Träume wünschte und über mich wachen sollte.
In der Zwischenzeit hatte ich einen Termin bei Prof. Möhring, der mich operieren sollte. Prof. Dreikorn war nicht mehr am Klinikum, was mich sehr traurig stimmte. Prof. Möhring war aber auch sehr
nett und hatte seine besondere Art. Man erklärte meinen Eltern und mir, dass man bei der Entnahme der Nieren, auch gleichzeitig den Shunt verschließen würde. Am Bauch würden die Urologen
arbeiten, in der Leiste die Gefäßchirurgen. Das lehnte ich rigoros ab und wollte mich auch so nicht operieren lassen.
In einem Brief schrieb Anke mir, sie war damals um sich vor der Operation zu erholen, wie ich, für zwei Wochen entlassen worden. Zitat: "Ich hörte
(unsere Mütter telefonierten miteinander), dass Du keine weiteren Untersuchungen machen lassen möchtest und die Op absagen willst. Ich kann gut
verstehen, dass Du Angst vor der OP hast. Ich glaube Du wolltest mit mir darüber reden aber ich habe es nicht gemerkt. Das tut mir sehr leid! Ich verstehe Dich da wirklich sehr gut. Aber überlege
mal, willst Du Dir ständig Deinen Blutdruck runterspritzen lassen und nur im Krankenhaus sein? Das ist doch sicher nicht der Sinn Deines Lebens. Schließlich haben "wir" doch Pläne. Denke doch das
dies auch Dein Ziel ist, um darauf zuzuarbeiten! Überdenke doch alles noch einmal. Stell Dir das Ganze als einen Berg vor. Den eroberst Du Stück für Stück, bis Du ihn eines Tages geschafft hast.
Glaub mir das geht, Du schaffst dies, Nein wir schaffen das!"
Ich stimmte danach in die Operation ein, aber nur in die Entnahme der Nieren.
Beim Heimaufenthalt vor meiner Operation unternahmen wir noch viel mit Anne Dietrich und Ihrem Sohn Eric, eine Freundin meiner Mutter. Anne war immer da, wenn es bei uns brannte und half. Sie
unterstützte meine Mutter schon zur Zeit, als ich Heimdialyse machte. Auf sie und Ihren Mann Raimund war immer Verlass. So besuchten wir Schüren im Saarland. Dem Leser wird das wenig sagen. Außer
einem kleinen Weiher und einer Gaststätte gab es da wenig. Hier stand jedoch das Haus von Musikproduzent Frank Farian (Bonny M, Lied Rocky) der aus dem Saarland stammt. Leider war er nicht zu sehen. Die
Freundschaft zu Anne und Ihrer Familie, die heute leider nicht mehr besteht, hat mir damals sehr gut getan. Anne besuchte mich mit meiner Mutter zusammen in Heidelberg und telefonierte auch mal
mit mir. Geschenke wie Monchichi und kleine Spielcomputer für die Tasche von ihr besitze ich heute noch. Auch Sie hat einen festen Platz in meiner Erinnerung. Ebenso wie Gisela, die ebenfalls
meine Mutter und uns oft unterstützte. Sie brachte glaube ich von Ihrer Arbeit öfter Speck-/oder Zwiebelkuchen mit. Alles schöne Erinnerungen an Menschen, die zu ernsthaften Zeiten mit ihrer
Hilfe mein Leben und das meiner Familie, positiv und hilfreich unterstützten. An der Stelle an all diese Menschen ein herzliches Dankeschön!!!
Ich wurde Mitte September 1987 operiert. Prof. Möhring erklärte mir, dass er mir die Nieren, mit einer ganz neuen Operationstechnik, über den Bauch entnehmen werde. So hätte ich nur einen
Schnitt, und nicht zwei schmerzhafte Flankenschnitte. In der Zeit, wo er sozusagen oben operierte, sollten gleichzeitig unten die Gefäßchirurgen, den entstandenen Shunt schließen. So versuchte er
erneut mein Einverständnis zur zweiten OP einzuholen. Ich lehnte aber weiter ab.
Der Tag der OP war gekommen. Ich ging in den Eingriff mit dem Versprechen, nur eine Operation durchzuführen. Meine Eltern hatten jedoch hinter meinem Rücken mit den Ärzten anders entschieden. Bis
zum OP erfolgte unser Ritual. Meine Eltern und mein Teddy Toddel begleiteten mich bis zur Tür. In der Narkose liegend, konnte mit der Operation nicht
begonnen werden. Man stellte fest, es fehlten wichtige Unterlagen, die noch in der Kinderklinik waren. Meine Eltern rannten zwischen Kinderklinik und Chirurgie hin und her, um diese Unterlagen
eilig zu besorgen. Im Ablauf dieser Operation hatte ich zahlreiche Kreislaufprobleme und machte dem Anästhesisten viele Sorgen.
Als ich im Anschluss auf der 6 Wach erwachte, waren meine Eltern am Bett. Neben Schwester Liselotte (Leiselotte), die anscheinend immer Dienst hatte, wenn ich operiert wurde, war auch Prof.
Möhring an meinem Bett. Er schimpfte in seiner besonderen Art mit mir und meinte, dass er seine Arbeit gut gemacht habe, ich mich aber sehr schwierig anstellte. Er hätte zudem das Mittagessen
wegen mir verschieben müssen. Das war mir aber wegen Schmerzen am Bauch, fast gleichgültig. Obwohl ich nicht wusste, dass die Leiste doch operiert wurde, hielt ich mein Bein ruhig. Als ich jedoch
fühlte, dass ich auch da operiert wurde, war ich verbal sehr ungehalten und schickte meine Eltern aus dem Zimmer. Nach einer Weile der Bedenkzeit war ich jedoch froh, dass alles erledigt war.
Meinen Eltern war ich dafür dankbar, sagte es ihnen jedoch erst später. Mein Vater wusste es. Er ließ sich auch nicht einfach so verjagen, sondern kam, stellte sich an mein Bett, zwickte mir in
den Zeh und meinte, „bist du jetzt wieder normal?“ Dann musste ich grinsen und konnte nicht mehr böse sein. Nun durfte auch meine Mutter wieder
reinkommen. Sie saß dann wieder an meinem Bett ich roch ihr Parfüm und sie graulte mir den Arm. Wie nach jeder OP. Anke ließ mir liebe Grüße ausrichten und sie sei in Gedanken bei mir.
Zurück in der Kinderklinik erholte ich mich gut von der Operation. Meine Mutter wohnte wieder im Schwesternhaus. Ich hatte wieder meinen guten Appetit zurück erhalten! Die Küche kochte nach
meinen Wünschen. Mein Blutdruck lag mit wenigen Medikamenten bei 120. Am Tag meiner Entlassung 13.10.1987 wurde Anke stationär aufgenommen. Leider haben wir uns nicht mehr sehen können, da sie in
verschiedenen Kliniken zu Untersuchungen war.
Von zu Hause telefonierten wir noch bis unmittelbar vor ihrem OP-Termin am 15.10.1987. Sie wurde wie geplant operiert. Ihre Mutter teilte mir telefonisch mit die Op sei gut verlaufen aber sie sei
noch nicht wach geworden. Am 22.10.1987 hatte ich in Heidelberg einen Termin. Dabei wollte ich sie besuchen. Meine Mutter sprach zuvor mit dem Pflegepersonal der Intensivstation. Als sie
zurückkam, merkte ich da stimmt was nicht. Meine Mutter war sehr bedrückt und teilte mir mit, dass Anke am Vortag verstorben sei ... An die Gefühle, den Ort, wo es mir Mama sagte und an die Zeit
danach erinnere ich mich bis heute! Ich fühlte mich so allein. In mir brannte alles, Hilflosigkeit machte sich in mir breit. Jedoch zeigte ich nach außen kaum eine Regung. Lange Zeit waren meine
Gedanken bei Anke und ich hörte immer wieder unsere beiden Lieder. Beim Schreiben hier überkommen mich erneut die Emotionen von einst.
Anke hat seither einen festen Platz in meinem Herzen/Leben. Bei unseren damaligen Liedern besonders Voyage Voyage von Desireless aus dem Jahre 1986 denke ich immer an sie und diese Zeit. Die letzte Zeile im Lied lautet: "Ich reise und komme
niemals wieder ..."
Lesen Sie im letzten Kapitel meiner Biografie, wie ich Heidelberg verlassen muss und zuvor lange auf dem Klinikdach verweile. Ebenso wie mir die familiäre Stabilität und mein zu Hause verloren
gingen.
Wer in diesem Blog Rechtschreibefehler findet, darf sie gerne behalten! ;-) Durch meine lange Krankheit und vielen
Fehlstunden in der Schulzeit, habe ich eine Leichte Rechtschreibeschwäche zurückbehalten. Dazu stehe ich. Ich denke der Inhalt ist wichtig.